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Dissertationsprojekt von Lukas Jansen

Der Principat – eine Kultur des Misstrauens? Untersuchungen zu Verschwörungen gegen den Kaiser (Arbeitstitel)

Historiographische Werke der römischen Kaiserzeit, wie die des Tacitus’, zeichnen ein düsteres Bild von der Gesellschaft des Principats. Furcht, Angst, Schrecken, Grausamkeit und Gewalt hätten das Leben dominiert. Ein Blick auf die Ereignisse verdeutlicht dies: Im Zeitraum von 14–192 n. Chr. erhoben sich acht Usurpatoren. Hinzu kamen über 60 potenzielle Verschwörungen. Kumuliert ergeben diese Fallzahlen grob 70 Ausnahmesituationen; im Schnitt entwickelte sich alle zweieinhalb Jahre eine Gefahrensituation. Diese Zahlen dokumentieren eindrücklich die latente Bedrohung der Person des Kaisers und die Fragilität des Systems ‚Principat‘ an sich. Die Frequenz dieser Krisenereignisse weist auf ein von Angst und Misstrauen geprägtes Verhältnis von Elite und Kaiser hin. Angesichts dieses Befundes überrascht aber die Dauerhaftigkeit dieses politischen Systems, die ohne ein gewisses Maß an Vertrauen nicht zu erklären ist. So wurde zwar immer wieder gegen die einzelnen Kaiser konspiriert oder usurpiert, aber das Herrschaftssystem stand auch nach einer Ermordung oder Beseitigung eines Herrschers nie ernsthaft in Frage. Wie sind diese paradoxen Beobachtungen miteinander zu vereinbaren? Stabilisierte am Ende eine einzigartige Mischung aus Vertrauen und Misstrauen das soziopolitische System des Principats?

Als entscheidend für das Funktionieren des Verhältnisses von Elite und Kaiser sind interpersonelles und systemisches Vertrauen anzusehen. Vom wechselseitigen Vertrauen war abhängig, wie die Akteure, einschließlich des Kaisers selbst, agieren konnten. Dieses System war natürlich fragiler Natur: Herrscher und Beherrschte hatten sich an komplexe Verhaltensweisen zu halten und die reziproken, sich über die Zeit verändernden Erwartungen in ihrem Handeln zu berücksichtigen. Gewisse Grenzen durften nicht überschritten werden, da sich sonst Vertrauen in Misstrauen verkehren konnte, was vom kaiserlichen Gunstentzug bis zur Hinrichtung bei Elitemitgliedern oder zu einer Verschwörung und Ermordung des Kaisers führen konnte. Welche Funktionen und Auswirkungen Vertrauen oder Misstrauen in den Strukturen des Systems und den interpersonellen Beziehungen zwischen Eliten und römischem Kaiser entwickeln konnten, soll durch das althistorische Dissertationsvorhaben ermittelt werden.

Das Dissertationsprojekt will die historischen Dynamiken von Vertrauen und Misstrauen in der römischen Gesellschaft im Zeitraum von 14 bis 192/3 n. Chr. offenlegen. Mittels einer kritischen Auseinandersetzung mit den historischen Quellen und gestützt auf die interdisziplinäre Vertrauens- und Misstrauensforschung wird die historische Überlieferung befragt, um Vertrauen und Misstrauen auf diese Weise in den Praktiken und sozialen Interaktionen der historischen Akteure sichtbar zu machen. Dabei wird die zentrale These überprüft, ob Vertrauen es allen Akteuren, auch dem Kaiser, ermöglichte erfolgreich zu agieren und zu interagieren. Wurde dieses Vertrauen nachhaltig erschüttert, konnte dies folgenschwere Auswirkungen haben. Das mit dieser Arbeit verfolgte Ziel ist es, das dem Vertrauen und Misstrauen inhärente Potential für die Erforschung der Kaiserzeit zu erschließen und ein neues theoretisches Angebot zu entwickeln, welches zu einem tieferen Verständnis der Mechanismen des politischen Systems ‚Principat‘ beitragen wird.

 

Kurzbiographie

Lukas Jansen, Jahrgang 1990, studierte von 2011 bis 2017 Geschichte und Political and Social Studies im Bachelor und Geschichte im Master an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Während seines Studiums war er als Hilfskraft am Lehrstuhl von Professor Dr. Rene Pfeilschifter und am Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg tätig. Darüber hinaus war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dekanat der Philosophischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg angestellt. 2017 schloss er sein Masterstudium mit einer Arbeit zu „Vertrauen als Grundlage der sozialen Interaktion zwischen Eliten und römischem Kaiser“ ab. Seit April 2018 promoviert er als Stipendiat im Integrated Track der a.r.t.e.s. Graduate School unter der Betreuung von Professor Dr. Walter Ameling.

Kontakt: Lukas.Jansen90(at)gmx.de

 

Titelbild: Gemma Augustea, Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d5/Kunsthistorisches_Museum_Vienna_June_2006_031.jpg // Portraitfoto: Patric Fouad