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„Geschlecht, Diversität und Identität im Comic“

a.r.t.e.s.-Doktorandin Nina Heindl organisiert internationale Tagung

Programmatik der Tagung

von Nina Heindl & Véronique Sina

Der Comic ist über Dekaden hinweg als populärkulturelles Massenphänomen wahrgenommen worden, das (geschlechter-)stereotype Darstellungen manifestiert und damit gesellschaftlich fest- und fortschreibt. So gehört etwa das Bild des besonders hilflosen, passiven, dafür aber umso attraktiveren weiblichen Opfers genauso zum Repertoire des Darstellungskanons wie die Repräsentation eines strahlenden, weißen, heterosexuellen, muskulösen Helden, dessen Hauptaufgabe darin besteht, die Welt und ihre Bewohner*innen vor unsäglichem Unheil zu bewahren. In diesem Sinne scheint sich der Comic also nicht zwingend von anderen (massen-)medialen Formen zu unterscheiden, die im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit eine Tendenz zur Verallgemeinerung und zum Klischee aufweisen. Auch die Reaktionen auf die weltweiten Anti-Comic-Kampagnen der 1950er-Jahre und die damit einhergehende Selbstzensur vieler Comicverlage verweisen aus historischer Perspektive exemplarisch auf heteronormative und oftmals xenophobe Tendenzen der massenmedialen Comic-Kultur, die sich lange in der Demographie ihrer Produzent*innen widerspiegelten. Als populäres und oftmals marginalisiertes Medium ist der Comic jedoch nie in dieser Rolle als (reaktionärer) Stabilisator aufgegangen. Vielmehr verfügt das Medium über eine gesellschaftspolitische Dimension, die Comic-Schaffende seit jeher dazu veranlasst hat, Zwischenräume kreativ zu nutzen, um (gesellschaftliche) Normen zu hinterfragen und zu unterlaufen.

Im Rahmen der 13. Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung wird diesem produktiven Potenzial des Mediums nachgegangen, indem verschiedene Formen der Zwischenräume und -töne im Comic, aber auch in seiner Produktion und Rezeption sichtbar gemacht werden. Im Vordergrund der sowohl international als auch interdisziplinären Tagungsbeiträge steht dabei die Frage, wie Geschlecht, Identität und Diversität in der sequenziellen Kunst dargestellt und verhandelt werden. Indem queer-feministische und intersektionale Perspektiven sowie Ansätze der Disability Studies mit aktuellen Ansätzen der interdisziplinären Comicforschung verbunden werden, wird das diskursive Ineinandergreifen und Zusammenwirken gesellschaftlich konstruierter identitäts- und differenzstiftender Kategorien wie Geschlecht, Sexualität, Alter, Klasse, Nationalität, Dis/Ability, Religion oder Ethnizität in den Fokus der Veranstaltung gerückt. Die Tagung soll so dazu beitragen, Ausschließungen, Machtstrukturen sowie (hetero-)normative Zuweisungen im Medium Comic aufzuspüren und ihre gesellschaftspolitische sowie mediale Form der (Re-)Produktion einer differenzierten Betrachtung sowie kritischen Analyse zu unterziehen.

 

Im Gespräch mit Organisatorin und a.r.t.e.s.-Doktorandin Nina Heindl

von Alessa Hübner

a.r.t.e.s. Graduate School: Warum hast du dich dazu entschieden, die Tagung zu organisieren? Wie kam es dazu?

Nina Heindl: Meine Kollegin Véronique Sina, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienkultur und Theater an der Universität zu Köln arbeitet, hatte schon vor einigen Jahren die Idee, die Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung zum Thema Comics und Gender auszurichten, und fragte mich, ob ich Interesse hätte, das gemeinsam mit ihr zu übernehmen. Wir haben schon einige Projekte zusammen durchgeführt – beispielsweise die Ausstellung Holocaust im Comic mit begleitender Vortragsreihe (Ruhr-Universität Bochum, Wintersemester 2014/15), den Workshop Selbstreflexivität im Medium Comic (Universität zu Köln, März 2017) sowie mehrere Publikationen – da war für mich klar, dass das gut passen wird. Inhaltlich bringe ich meinen Schwerpunkt in den Disability Studies ein, was sich sehr gut mit Véroniques Zugang verbindet, der sich aus Intersektionalitätsforschung, Jewish Cultural Studies, Queer und Gender Studies speist.

In welcher Verbindung steht die Konferenz zu deinem Promotionsprojekt? Erhoffst du dir von der Konferenz weiteren Input für deine eigene Forschung?

In meinem Promotionsprojekt beschäftige ich mich mit der grundlegenden Frage, wie in Comics Bedeutung durch visuelle und auf die materielle Erscheinungsform des Comics bezogene Strategien generiert werden kann. Am Fallbeispiel des Comics Building Stories des Comickünstlers Chris Ware, gehe ich dieser Frage nach und zeige, welche Funktionen visuelle und materielle Charakteristika in Wares Comics übernehmen können. Die Tagung beschäftigt sich mit grundlegenden Bedingungen und Kategorien im Medium Comic, die im Tagungsthema Zwischenräume – Geschlecht, Diversität und Identität im Comic zusammengeführt werden. Auch in meinem Promotionsprojekt stellen diese Schlagworte wichtige Schwerpunkte meiner Auseinandersetzung mit Chris Wares Comics dar. Beispielsweise setzt Ware eine weibliche Figur mit körperlicher Behinderung ins Zentrum, die mit Depressionen kämpft. Die moralische Ausdeutung (Hat die Behinderung etwas mit der psychischen Verfassung zu tun; ist sie sogar Auslöser für ihre Depressionen oder gibt es da gar keinen Zusammenhang?) wird den lesend Betrachtenden freigestellt. Dadurch werden den Rezipierenden die ggfs. bestehenden eigenen sozio-kulturellen Vorannahmen und stereotypen Mutmaßungen vor Augen geführt und bewusst gemacht. Dann gibt es noch Branford die Biene, der als Protagonist auftritt und mit seiner Geschlechtsidentität hadert. Dies sind zwei recht anschauliche Beispiele, die direkt mit dem Tagungsthema verbunden sind. Aber auch weiter gefasst handelt es sich bei Ware um einen Comickünstler, der immer wieder neu austestet, welche (gestalterischen) Zwischenräume das Medium Comic eröffnet und wie (gesellschaftliche) Normen sichtbar gemacht werden können. Von der Tagung und den tollen Vorträgen, die wir hören werden, erhoffe ich mir für meine eigene Forschung vor allem Horizonterweiterung durch die vielfältigen Ansätze und unterschiedlichen Schwerpunkte – neben spannenden Diskussionen und tollen Gesprächen!

Inwiefern handelt es sich um eine internationale Tagung?

Ein Blick in das Programm verrät es direkt: Von zehn Panels sind acht englischsprachig – der größte Anteil unserer Vortragenden kommen aus dem Ausland – USA, Dänemark, Schweden, aus Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Polen. Dabei ist das für eine Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung gar nicht so üblich: In den letzten Jahres gab es immer eher eine Großzahl an Vorträgen auf Deutsch und einige Panels auf Englisch. Bei uns ist es aufgrund der qualitativ starken eingegangenen englischen Abstracts auf unseren Call for Papers genau anders herum. Für uns als Organisationsteam zeigt das, dass wir mit dem gewählten Thema einen Nerv treffen, der speziell im gegenwärtigen internationalen Kontext eine besondere Gewichtung erfährt.

Welche Tagungsreferentinnen und -referenten kannst du besonders empfehlen?

Oh, das ist eine schwer zu beantwortende Frage, weil wir durchweg so ein spannendes Programm haben! Sicherlich besonders zu empfehlen sind aber unsere Keynotes, die am ersten und zweiten Tagungsabend die gesamte Veranstaltung rahmen: Tahneer Oksman ist Assistant Professor am Marymount Manhattan College (NY, USA). Sie hat bereits zu Comics mit Bezug auf Gender und Jewish Studies gearbeitet und wird uns am ersten Tag der Tagung ihre aktuelle Forschung zu Verlustmomenten unterschiedlichster Facettierung in Comics vorstellen. Zu den Forschungsschwerpunkten von Carolyn Cocca (Professorin an der State University of New York, College at Old Westbury, USA) zählen u.a. Fragen der Gender- und Sexualpolitik sowie Disability Studies. In ihrem Buch Superwomen: Gender, Power, and Representation (Bloomsbury, 2016) setzt sie sich explizit mit der Darstellung weiblicher Superhelden im Medium Comic auseinander und in ihrem Vortrag dürfen wir einige spannende Schlaglichter aus diesem Zusammenhang erwarten. Damit aber nicht genug – wir starten die Tagung mit einer Artistic Lecture des Künstlers Philip Crawford, der über seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem afroamerikanischen Comickünstler Matt Baker (1921–1959) sowie seinen Figuren vortragen wird. Direkt im Anschluss folgt das Panel Representations of Dis/Ability, das mir aufgrund meiner Schwerpunkte besonders am Herzen liegt. Ich freue mich sehr, dass just in diesem Panel mit Olga Tarapata und Jonas Neldner auch zwei Nachwuchswissenschaftler*innen aus Köln unter den Vortragenden dabei sind.

Wir danken Nina Heindl für das Gespräch!