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Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Back to School!“

Andrés Otálvaro im a.r.t.e.s. alumni talk über seine Tätigkeit als Leiter einer Notaufnahmestelle für Geflüchtete

von Alessa Hübner

In der neuen Vortragsreihe „Back to School!“ berichten Alumni von ihrer Zeit nach der Förderung durch die a.r.t.e.s. Graduate School. Sie stellen damit nicht nur spannende neue Projekte oder Jobs vor, sondern zeigen auch, wie divers die Arbeitsfelder für (promovierte) Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind. „Back to School!“ schlägt eine Brücke zwischen den aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von a.r.t.e.s. und zeigt, wohin der Weg nach a.r.t.e.s. gehen kann. Wir freuen uns in der Zukunft auf viele augen- und ohrenöffnende Abende mit unseren Alumni!

 

„Transferleistung – Leiten einer Notaufnahme für Geflüchtete“

Am 21. Oktober 2016 startete „Back to School!“ mit einem Vortrag von Dr. Andrés Otálvaro über seine aktuelle Beschäftigung als Leiter einer Notunterkunft für Geflüchtete in Köln-Holweide. Andrés war Kollegiat im Integrated Track-Jahrgang 2008 und promovierte im Fach Iberische und Lateinamerikanische Geschichte über die Bolivarianischen Missionen, die er kritisch auf ihr Potenzial für die Sozialpolitik Venezuelas hin untersuchte. Zu seiner jetzigen Tätigkeit sieht er durchaus eine Verbindung: „Auch hier geht es um menschliche Bedürfnisse und Wohlfahrtsmaßnahmen, die diese befriedigen sollen.“

Aus Neugier hatte Andrés sich für die Stelle in einer Notaufnahmestelle des Deutschen Roten Kreuzes beworben. Ende 2015 bekam er die Stelle und wurde sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen: Ohne besondere Vorbereitung fand er sich als einer von drei Sozialbetreuerinnen und -betreuern in einer Turnhalle mit einer Aufnahmekapazität von 200 Geflüchteten wieder. Andrés begleitet seitdem den Alltag in der Unterkunft, berät die Geflüchteten in unterschiedlichsten Belangen und vermittelt bei Konflikten. Daneben gehört zu seinen Schwerpunktaufgaben, den Gesundheitszustand aller Bewohnerinnen und Bewohner zu ermitteln, Kontakt zu Schulen und anderen Institutionen zu vermitteln sowie kulturelle Angebote zu organisieren.

Das Leiten der Notaufnahmestelle ist eine schwierige Aufgabe, die Andrés aber gerne macht, weil es nie langweilig werde: „Wenn man denkt, man hat alles gesehen, kommt wieder eine Überraschung.“ Der ‚kulturelle Cocktail‘ führe zu vielen interessanten und auch schönen Momenten. Aber es sei auch klar: „Notunterkünfte sind nicht schön – auch wenn sie besser als Krieg sind.“ Hauptprobleme seien einerseits der Mangel an Privatsphäre und Zugang zu Bildung, und andererseits Kommunikationsschwierigkeiten, denn es gebe zu wenig Fachkräfte, die dolmetschen könnten. Für viele Menschen sei die Notunterkunft zum ‚Dauerprovisorium‘ geworden – ‚Transfer‘ (in eine andere Unterkunft) laute das große Zauberwort, das alle beherrschen.

Andrés, der seine Arbeit vor allem auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive präsentierte, stellte abschließend die Frage: „Wie soll ich als Sozialwissenschaftler handeln? – Es ist durchaus sinnvoll, mit wissenschaftlichem Hintergrund in die Sozialbetreuung zu gehen. Das Studium gibt Werkzeuge an die Hand“, und verwies auf Gayatri Chakravorty Spivaks Essay „Can the Subaltern Speak“. In Bezug auf die Geflüchteten in Deutschland kam Andrés zu der klaren Antwort: Nein, sie haben keine Stimme. Zum einen aufgrund der Sprachbarriere und zum anderen aufgrund von bürokratischer Frustration, wirtschaftlichem Ausschluss, gesellschaftlichen Hierarchien und Rassismus. So schloss der Vortrag mit einem Denkanstoß nach Julia Kristeva: „Fremde sind wir uns selbst“.

 

„Wir sind alle fremde Menschen“

Im Anschluss an den Vortrag blieb Raum für Diskussion über die angeschnittenen Themen, die die Anwesenden sichtlich bewegten. Andrés beantwortete persönliche und fachliche Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer und gab durch die Beschreibung konkreter Situationen Einblicke in seinen Arbeitsalltag. So wurde er beispielsweise gefragt, was sich seiner Meinung nach am Umgang mit Geflüchteten in Deutschland ändern sollte: „Das größte Problem ist, dass Rassismus in Deutschland stark verbreitet ist; dennoch bin ich optimistisch. Der wichtigste Schritt ist ein anthropologischer, nämlich ein Bewusstsein dafür aufzubauen, dass wir alle fremde Menschen sind.“ Auf die Frage, ob er die ruhige Arbeit am Computer vermisse, antwortete der Alumnus: „Mir gefällt beides. Schön wäre es, eine Nische zu finden, in der ich mich weiter wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen kann. Es gibt bisher nur wenige ethnografische Forschungen zur Arbeit mit Geflüchteten.“ Nach der Diskussion gab es bei Wein und vielfältigen Snacks die Gelegenheit, in gemütlicher Atmosphäre zu netzwerken, alte Bekannte wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen.

 

Gerne machen wir bereits auf die nächste Veranstaltung der „Back to School!“-Reihe aufmerksam:
Am Freitag, 21. April 2017 um 19:30 Uhr werden die beiden a.r.t.e.s.-Alumnae Susanne Mohr und Asuman Lätzer-Lasar über ihre Habilitationsprojekte sprechen.

 

Literatur

Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst (1990)

Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak (1988)