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Mercator-Stipendiatin Kim Schumann

Praxisbezogene Promotion zu “Keyboard Warriors” in der kamerunischen anglophonen Krise

von Simona Böckler

Kim Schumann ist Ethnologin und seit April 2021 Stipendiatin im Integrated Track und Mercator-Fellow an der a.r.t.e.s. Graduate School. In ihrem Dissertationsprojekt forscht sie zur Rolle der Diaspora und digitaler Medien im Kontext der kamerunischen anglophonen Krise.

Das Mercator-Stipendium fördert Promotionsprojekte mit Blick auf den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und einem thematischen Praxisbezug. Die Integration einer einjährigen Praxisphase zielt auf die fruchtbaren Wechselwirkungen und Synergien zwischen wissenschaftlichem und außerwissenschaftlichem Transfer.

Unsere Programmkoordinatorin Simona Böckler hat Kim getroffen und ein paar Eindrücke zum Projekt und der anstehenden Praxisphase für uns gesammelt.


Simona Böckler (SB): Liebe Kim, in deiner Dissertationsarbeit forschst Du zuKeyboard Warriors“ in der kamerunischen anglophonen Krise. Worum geht es in Deinem Projekt genau?

Kim Schumann (KS): Es geht darum, wie Diaspora-Communities (also Communities aus Migrant:innen und deren Nachfahren) Social Media nutzen, um über Grenzen hinweg für soziale oder politische Bewegungen zu mobilisieren. Die Anglophone Krise nehme ich dafür als Beispiel, weil sie die Schwachstellen der bisherigen Theorien zu diesem Thema aufzeigt. Bis 2016 waren Expert:innen nämlich der Annahme, die (süd-)kamerunische Diaspora wäre für politischen Aktivismus nicht zu begeistern – und für radikalen schon gar nicht. Die südkamerunische Unabhängigkeitsbewegung, die dem kamerunischen Staat Neokolonialismus anlastet, hatte zu dem Zeitpunkt einige Jahrzehnte lang vor sich hin gebrodelt, wurde vom autoritären kamerunischen Regime aber erfolgreich (und gewaltsam) kleingehalten. Dann brach Ende 2016 eine neue Protestwelle aus und binnen kürzester Zeit fanden in der Diaspora diverse Demos in Solidarität mit Aktivist:innen in Kamerun statt; Südkamerun-Verbände, Online-Events, und Spendenaktionen sprossen nur so aus dem Boden. Statt wie gewohnt abzuflauen, eskalierten die Proteste in Kamerun und staatliche Angriffe darauf zu einem unübersichtlichen Guerilla-Krieg, der inzwischen bald 5 Jahre andauert und sich immer mehr verselbstständigt. Diaspora-Gruppen sind nach wie vor stark involviert, nicht nur in die Unterstützung bewaffneter Gruppen, sondern vor allem in die Finanzierung und Koordination humanitärer Hilfe, Versuche öffentliche Aufmerksamkeit und politische Maßnahmen zu erzeugen, und in Diskussionen über die Möglichkeiten einer friedlichen Lösung des Konfliktes. Das eröffnet, wissenschaftlich gesprochen, die Frage: „Moment, ihr wart doch vor kurzem angeblich noch zu gespalten und ‚apolitisch‘ für ganz normale Diaspora-Verbände. Und jetzt habt ihr plötzlich eine transnationale Unabhängigkeitsbewegung aufgebaut? Wie geht das denn?“ Um diese Frage zu beantworten, analysiere ich Social Media Diskurse, nehme online und offline an Veranstaltungen teil, und spreche mit Aktivist:innen in der Diaspora über deren Mediennutzung, radikalisierende Erfahrungen, und Strategien für transnationale Vernetzung.

SB: Als Mercator-Stipendiatin wirst Du eine einjährige Praxisphase bei einer außeruniversitären Institution in deine Promotion integrieren. Mit welchem Praxispartner wirst Du im Rahmen Deines Projekts zusammenarbeiten und was sind Deine Pläne für die Praxisphase?

KS: Ich kooperiere mit dem Bonn International Center for Conversion, einer NGO, die angewandte Konflikt- und Friedensforschung betreibt. Basierend darauf, bietet das BICC Beratung für politische Institutionen und Stakeholder in bewaffneten Konflikten an, arbeitet aber auch Informationen zu Themen wie Waffenhandel und Migration für die Öffentlichkeit auf. Was genau wir in meinem Praxisjahr machen werden, wollen wir davon abhängig machen, was sich während meiner Forschungsphase als wichtig und machbar herauskristallisiert. Ich bin sehr froh, dass sowohl das BICC als auch die Mercator-Stiftung dahingehend offen und geduldig sind, da mir das Gelegenheit gibt, mich mit meinen Gesprächspartner:innen auszutauschen und herauszufinden, wo aus deren Sicht tatsächlich Bedarf für Beratung oder Aufklärungsarbeit besteht.

SB: Dein Forschungsprojekt ist dem Fach Ethnologie zugeordnet, das durch die klassische Feldforschung einen intrinsischen Praxisbezug aufweist und deshalb für die Datenerhebung bereits eine Praxisphase im weiteren Sinne voraussetzt. Warum hast Du Dich dennoch für die Teilnahme am Mercator-Programm entschieden? Welchen Mehrwert bietet die zusätzliche Praxisphase in der Partnerinstitution im Hinblick auf Dein Projekt?

KS: Als mir das Stipendium zum ersten Mal erklärt wurde, war ich tatsächlich etwas skeptisch, da die Bezeichnung suggeriert, Geisteswissenschaftler:innen müssten erstmal lernen wie „echte Arbeit“ funktioniert (ein Vorwurf, den wir ja alle reichlich leid sind). Auch geisteswissenschaftliche Forschung ist praktische Arbeit, unabhängig davon, ob man dafür mit Unabhängigkeitsaktivist:innen zoomt oder alte Bücher analysiert. Worum es nach meinem Verständnis tatsächlich geht, ist Promovierenden, deren Lebensläufe häufig sehr eng auf akademische Karrieren ausgelegt sind, alternative Wege zu eröffnen. Ich persönlich habe fast ausschließlich Arbeitserfahrung in Forschung und Hochschullehre, interessiere mich aber auch für Bereiche wie Konfliktbewältigung und Security Sector Reform. Das Stipendium gibt mir die Möglichkeit mit einem Berufsfeld in Kontakt zu kommen, in das ich, basierend auf meinem Profil, nicht einfach so einsteigen könnte.

Außerdem ist es in Deutschland leider relativ unüblich, Projektförderung zu bekommen, die auch eine praktische Umsetzung der Ergebnisse abdeckt. Gerade bei Projekten, die das Leben von Menschen direkt berühren, wünschen viele Forschende sich aber die Gelegenheit mit außeruniversitären Institutionen zu kooperieren und an der Umsetzung ihrer Erkenntnisse beteiligt zu sein. Andere Förderer könnten sich an dem Format daher gerne ein Beispiel nehmen. Das Interesse besteht auf jeden Fall, auch über Promotionen hinaus.

SB: Wir verraten euch ein Geheimnis! Das a.r.t.e.s.-Forum 2022, das voraussichtlich im Juli 2022 stattfinden wird, setzt sich mit dem Thema „Wissenschaft und Gesellschaft“ auseinander und steht somit im engen Zusammenhang mit dem Mercator-Programm. Als Mercator-Fellow bist Du in die Organisation des Forums involviert. Magst Du uns vielleicht ein paar Insider verraten?

KS: Genau, wir sind derzeit dabei ein Tagungskonzept unter der Überschrift „Wissenschaft und Gesellschaft“ auszuarbeiten. Bei dem Thema wäre es aber unserer Ansicht nach etwas ironisch einen Haufen Wissenschaftler:innen in ein Uni-Gebäude zu sperren, damit sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit darüber reden, wie wichtig es ist, Leute an Wissenschaft teilhaben zu lassen. Deswegen wollen wir Expert:innen einladen, die genau in den Überschneidungen von Wissenschaft und Gesellschaft tätig sind, zum Beispiel in Kooperationsprojekten, universitätsnahen Institutionen und Vereinen. Wir hoffen außerdem, dass wir das Forum auch räumlich über den Campus hinaus öffnen und so für Interessierte außerhalb der Universität zugänglich machen können.

 

Es bleibt also spannend!  Wir bedanken uns ganz herzlich bei Kim für die spannenden Einblicke in ihre Arbeit und in das anstehende Forum.