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a.r.t.e.s. forum 2019 „Politics of Sensemaking“

Freitag, 05. Juli 2019, 10 Uhr
Tagungsraum, Seminargebäude, Universität zu Köln (Universitätsstr. 37, 50931 Köln)

Sinnstiftung (sensemaking) als kulturelle Praxis und Strategie der Wissensproduktion und politischen Entscheidungsfindung scheint sowohl den politischen als auch den wissenschaftlichen Diskurs grundlegend zu formieren. Wenn nun der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika über Twitter Politik macht, die Diagnose eines post-faktischen Zeitalters immer ausdrücklicher gestellt wird und Gefühle und Stimmungen zum ausschlaggebenden Gut des politischen Handelns und Kommunizierens gemacht werden, dann ist auf eine Veränderung der sinnstiftenden Bedingungen des politischen und wissenschaftlichen Diskurses zu verweisen.

Diesen Veränderungen möchten wir uns im a.r.t.e.s. forum 2019 über zwei Themenbereiche annähern. Im ersten Block soll der traditionelle Gegensatz von Rationalität und Emotionalität zur Diskussion gestellt werden. Der Wandel des aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurses wird häufig verstanden als ein Abnehmen des rationalen bei einer gleichzeitigen Zunahme des emotionalen Redens. Stehen sich diese im politischen Diskurs als zwei gegensätzliche Varianten der Kommunikation unvereinbar gegenüber? Oder bilden beide Momente in ihrer Wechselwirkung eben den politischen Diskurs? Möglicherweise liegt in der veränderten Wechselwirkung beider Momente, das heißt der heutigen Weise, wie gesellschaftlich und politisch Sinn gestiftet wird, das zu problematisierende Phänomen.

Ein zweiter Block widmet sich der Frage der Medialität und Materialität von sinnstiftenden Prozessen und Praktiken. Gewiss haben Massenmedien nicht erst seit gestern einen Platz in unserer Welt und eine globale Verständigung nicht nur technologisch ermöglicht, sondern formieren auch entscheidend die sinnstiftenden Bedingungen des politischen und wissenschaftlichen Diskurses. Welchen Wandel bedeuten hier aber einerseits die Neuen Medien und sozialen Netzwerke und welche Praktiken des Sensemaking kann eine medienhistorische Lesart aufdecken? Soziale Medien scheinen die traditionellen Kanäle der Informationsübermittlung abgelöst zu haben und ermöglichen so die direkte und ungefilterte Ansprache des Einzelnen, den sie zugleich in die Lage versetzen, jeden anderen Einzelnen zu erreichen. Parallel dazu bilden sich neue Formen (politischer) Organisationen, die als Bewegungen zusammenkommen, weder programmatisch noch institutionell geschlossen auftreten und gerade daraus ihre Stärke zu gewinnen scheinen. Was heißt es für die Bedingungen und die Struktur des politischen Diskurses, wenn nicht nur die Massen durch Medien informiert, vielmehr jeder einzelne im digitalen Raum zum informierenden Medium werden kann? Und inwiefern muss die Mitverantwortung der Medien-Konsumenten in solchen Prozessen mit Blick auf Ausschließungen und Machtstrukturen einer differenzierten Beachtung sowie einer kritischen Analyse unterzogen werden?

Die beiden Themenbereiche bilden einen großen Komplex, welchem wir mit dem Ausdruck „Politics of Sensemaking“ einen Namen geben möchten. Politics of Sensemaking: Das meint nun nicht nur, die neuesten Ergebnisse des wissenschaftlichen Diskurses über die veränderte Wirklichkeit von Prozessen der Wissensproduktion und Entscheidungsfindung, dort also, wo im öffentlichen und politischen Raum „Sinn gemacht“ wird, zusammenzutragen, sondern stellt sie Wissenschaften auch vor die Herausforderung, Praxen der Wissensproduktion unter den sich verändernden Bedingungen der Sinnstiftung neu zu situieren und auszuhandeln.

 

Programm:

Begrüßung // 10:00
Andreas Speer (Universität zu Köln)

10:30
Jan Slaby (Freie Universität Berlin)
Affective Institutions and the Politics of Sensemaking

Response: Marco Cavallaro (Universität zu Köln)

11:30
Wolfgang Fach (Universität Leipzig)
Fakt ist…Über das Verhältnis von Wahrheit und Gewissheit

Response: Georg Heinzle (Universität zu Köln)

13:30
Monica van der Haagen-Wulff (Universität zu Köln)
Securing Privilege: Historico-political Narratives of Dangerous Bodies

Response: Tom Menger (Universität zu Köln)

14:30
Stephan Packard (Universität zu Köln)
Do internet bots dream of electric sheep? The Affects of Counting in So-called Post-Factual Populism

Response: Johannes Paßmann (Universität Siegen)

Podiumsdiskussion: Politics of Sensemaking // 16:00
Mareike Haass (Universität zu Köln), Moritz von Stetten (Universität Bonn),
Laura Solzbacher (Universität Bonn), Mario Anastasiadis (Universität Bonn)

Moderation: Thiemo Breyer (Universität zu Köln)