zum Inhalt springen

Dissertationsprojekt von Lisanne Rother

Bildkampagnen und die neue Umweltmoral der Bundesrepublik von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre. (Arbeitstitel)

Feinstaubbelastung, Plastikmüll, Klimawandel - Aktuelle Debatten um den „Faktor Mensch“ und über die erdgeschichtliche Epoche des Anthropozäns zeigen, wie sich Bewertungen menschlichen Handelns in Bezug auf den Umgang mit seiner natürlichen Umgebung verändern. Sie rufen bestimmte Bilder auf, deren Genese ich in meiner Arbeit untersuche: qualmende Schornsteine, verschmutzte Meere, schmelzende Polkappen. Erst durch solche Schadensbilder, aber auch ihre schönen mitunter idyllischen Gegenentwürfe, so meine leitende Annahme, haben sich das Konzept „Umwelt“ und damit eine neue „Umweltmoral“ seit den 1960er-Jahren etablieren können. Die mit der schubweisen Etablierung von „Umwelt“ und Umweltschutz verbundenen Bilder spielten auf Seiten aller, die an diesen Debatten und Diskursen beteiligt waren, eine zentrale Rolle: bei den NGOs und politischen Bewegungen, der Industrie und dem Staat.

Diese Akteursgruppen nutzten multimodale öffentlichen Kampagnen, die in meiner Arbeit im Fokus stehen. Als „dramaturgisch angelegte, thematisch begrenzte, zeitlich befristete kommunikative Strategien zur Erzeugung öffentlicher Aufmerksamkeit“ zeichnen sich Kampagnen dadurch aus, dass sie „Wirklichkeit dramatisch inszenieren“ (Röttger 2009, 9). Kampagnen als intentionale und strategische Kommunikation erlauben es somit zum einen, die Praktiken und Motivationen der verschiedenen, aufeinander bezogenen Akteur*innen zu ermitteln, mit denen sie sich an dieser Konstruktion von Wirklichkeit beteiligten. Von besonderem Interesse sind dabei die infrastrukturellen Rahmenbedingungen für derartige Öffentlichkeitsarbeit und Umweltkommunikation. Zum anderen konstituierten solche visuell geprägten, konfliktiven Kommunikationsprozesse, was von den verschiedenen Akteur*innen überhaupt als „Umwelt“ und deren (Nicht-)Gefährdung betrachtet wurde. Innerhalb der Kampagnen verdichtete ihre Bilder auch, was als ‚gut‘ und was als unvereinbar im Umgang mit der „Umwelt“ propagiert wurde.

Mein zentrales Erkenntnisinteresse besteht darin nachzuvollziehen, wie moralische Haltungen gegenüber der „Umwelt“ bestimmt durch asymmetrische Einflussmöglichkeiten auf Öffentlichkeit, Medien und Politik vermittelt wurden und wie sie sich veränderten. Daher untersuche ich, wie die Bilder im Kontext ihrer Kampagnen kollektive Verpflichtungsgründe für menschliche Umgangsweisen mit der „Umwelt“ implizierten und dazu beitrugen, eine neue „Umweltmoral“ zu implementieren. Konkret möchte ich danach fragen, in welcher Weise die untersuchten Akteur*innen und ihre Bildpolitiken die neue Kategorie der „Umwelt“ selbst als etwas moralisch Relevantes betrachteten, ihr Handeln und ihre Ziele also in den Horizont von Vorstellungen des Guten und Richtigen stellten.

 

Kurzbiographie

Lisanne Rother hat an der Universität zu Köln und an der Universidad Autónoma de Madrid Geschichte und English Studies studiert. Ergänzend zum Masterstudium absolvierte sie das a.r.t.e.s. Research Master-Programm. Ihre Abschlussarbeit behandelt das politische Imaginäre der Demokratie am Beispiel der CDU- und SPD-Fernsehspots zu den Bundestagswahlen zwischen 1961 und 1987. Während ihres Studiums arbeitete Lisanne am Historischen Institut der Uni Köln und im Veranstaltungsmanagement der Fritz Thyssen Stiftung. Ihre Dissertation profitiert von der anschließenden praktischen Erfahrung als Trainee bei einer auf Umwelt-Themen spezialisierten PR-Agentur in Bonn. Gefördert durch das Predoc-Stipendium von a.r.t.e.s. hat sie 2018/19 ihr Dissertationsprojekt ausarbeiten können. Seit Januar 2020 ist sie Promotionsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Visual History, Geschichte des Moralischen und Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Prof. Dr. Habbo Knoch betreut ihr Dissertationsprojekt.

Kontakt: rotherl(at)smail.uni-koeln.de

 

Vorträge

„‘Stickoxidbremse. Oder:  Mit der Entschwefelung allein ist es nicht getan.‘ Bildkampagnen und die neue Umweltmoral der Bundesrepublik in den langen 1970er- und 1980er-Jahren.“, 18.01.2020, Forschungskolloquium von Prof. Dr. Stephan Packard, Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln.

„Bildkampagnen und die neue Umweltmoral.“,  30.09.2019, Posterpräsentation im Graduiertenworkshop auf der Tagung „Natur – Kultur – Mensch“ des Forschungsnetzwerks „Sprache und Wissen“, Universität Heidelberg.

„Bildkampagnen für die Umwelt: Umweltmoral im Prozess öffentlichen Aushandelns
am Beispiel der BRD von 1960 bis 1990.“, 13.05.2019, Kolloquium zur Neueren und Neuesten Geschichte, Universität zu Köln.

„Bildkampagnen für die Umwelt: Umweltmoral im Prozess öffentlichen Aushandelns
am Beispiel der BRD von 1960 bis 1990.“, 23.01.2019,  a.r.t.e.s. Predoc-Kolloquium „Interdisziplinäre Methodendiskurse in den Humanities“, Universität zu Köln.

„Visuelle Umweltkampagnen: Moralische Kodierungen der Mensch-Umwelt-Beziehung in der BRD von 1960 bis 1990.“, 14.11.2018, a.r.t.e.s. Graduiertenklasse „Institutionen und Praktiken in historischer Perspektive“, Universität zu Köln.

 

Publikationen

„In welchem Deutschland wirst du einmal leben?“ – Das Kindermotiv in Wahlwerbespots der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren, in: Moral Icons (30.11.2018), online unter: https://moralicons.hypotheses.org/830.

 

Auszeichnungen

Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln für die Masterarbeit (2018)