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Forschungsprojekt von Dr. Simon Groth

„Der Feudalismus oder die verschwundene Geschichte. Das Mittelalter der DDR“  

Der Fachterminus ‚Feudalismus‘, von Ludolf Kuchenbuch einst als „wissenspolitisches Reizwort“ bezeichnet, wird in den deutschsprachigen mediävistischen Publikationen nicht mehr gebraucht. Nur noch vereinzelt findet sich der Begriff in Überschriften und in der aktuellen Beschäftigung mit dem mittelalterlichen ‚Lehnswesen‘, das man durchaus als substantiellen Bestandteil des Gedankengebäudes ‚Feudalismus‘ begreifen könnte, spielt er keine Rolle. Anders als in den meisten anderen Wissenschaftssprachen – im Englischen spricht man von feudalism, im Französischen von féodalité, im Italienischen von feudalesimo – hat sich im Deutschen das Lehnswesen als vermeintlich treffendere Bezeichnung für eine keineswegs auf das Mittelalter beschränkte Gesellschaftsordnung durchgesetzt. Doch auch wenn ‚Feudalismus‘ 1974 bereits aus angelsächsischer Perspektive als untaugliche mediävistische Kategorie zurückgewiesen wurde, bleibt es doch eine eigentümliche Beobachtung, dass nicht nur der Begriff, sondern gleichzeitig eine Vielzahl an Arbeiten über den Feudalismus gänzlich obsolet geworden zu sein scheint.        

Möglicherweise hängt dies jedoch mit seiner bislang noch nicht aufgearbeiteten eigenen Vergangenheit zusammen, die man als Sonderfall einer verschwundenen Geschichte begreifen könnte: Als wesentliches Theorem des ‚Historischen Materialismus‘ ist er gleichsam mit der Hypothek belastet, Teil der Geschichtswissenschaft der DDR zu sein, und im Gefolge dieser abgewickelt worden. Wie viele andere Paradigmen ist er damit dem Vergessen anheimgefallen. Nicht nur die intuitive Annahme einer immanenten Fortschrittsentwicklung aller Forschung, sondern stärker noch die Hypothese einer Inkommensurabilität der zugrundeliegenden Denkstile haben dafür gesorgt, dass nur wenige Ergebnisse der ostdeutschen Geschichtswissenschaft in der Zeit ihres Bestehens rezipiert wurden und kaum etwas das Ende der DDR überdauert hat.

Die Gründe hierfür dürften im Wesentlichen im Systemgegensatz der westdeutschen und ostdeutschen politischen Ordnung liegen, durch die sich im Laufe der vier Dekaden der Koexistenz eine allgemeine (wenngleich konjunkturellen Schwankungen unterworfene) Frontstellung entfaltete. Dem konnte sich auch die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und die Mittelalterforschung im Speziellen nicht entziehen.

Nun mag es vielfach gerechtfertigt erscheinen, Werke der ostdeutschen Mediävistik innerhalb der eigenen Arbeit unberücksichtigt zu lassen. Allein die Menge der in den vergangenen zweihundert Jahren erschienenen Literatur zwingt zur Selektion. Doch gilt es durchaus darüber nachzudenken, worauf die (vollständige) Ausblendung der ostdeutschen Feudalismusdiskussion in der aktuellen Mittelalterforschung beruht und ob diese nicht doch rezeptionsadäquat ist respektive in welcher Form diese produktiv genutzt werden kann.

Es widerspräche zudem der erkenntnistheoretischen Logik, wollte man die Beschäftigung mit der Geschichtswissenschaft der DDR auf eine systemische Beschreibung der Interdependenz von Wissenschaft und Politik (jenseits ihrer Inhalte) oder auf die inhaltliche Evaluation ‚Was bleibt?‘ (jenseits der spezifischen historiographischen Konstitutionsbedingungen) – so erkenntnisdienlich beide Ansätze sein mögen – verengen. Zugleich ist damit ebenfalls die Frage der Unvereinbarkeit der geteilten Geschichtswissenschaft(en), die Frage nach dem Wissenschaftscharakter der ostdeutschen Historik aufgeworfen, die bezüglich der Mediävistik – so vielleicht eine erste vorsichtige These – neu zu stellen (und modifizierend zu beantworten) ist.

Der Fachterminus ‚Feudalismus‘ diente in der DDR als Metaebene für ein Mittelalter, dem im theoretischen Kontext eine genuine Funktion unterstellt wurde: Indem man den Ablauf der Geschichte als eine durch ökonomische Prozesse gesetzmäßig bestimmte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft definierte, fungierte die Geschichte nicht nur als (hinreichende) ‚Legitimationswissenschaft‘, sondern als notwendige Bedingung für das eigene politische System, was durchaus eine differente wissenschaftliche Erkenntnisgrundlage bedeutet. Aber, so ist zu fragen, welche Rolle spielte diese Vorgabe in der konkreten Arbeit der Historiker?

Eine Ideengeschichte oder Diskursanalyse des Feudalismus ist somit nicht nur aus sich selbst heraus von Interesse. Denn nimmt man das in unterschiedlichen Metaphoriken oder Beschreibungsformeln verpackte geschichtstheoretische Axiom der Standortgebundenheit jeder Geschichtsschreibung ernst, kann es (weder im Westen noch im Osten) ein ‚Mittelalter‘ als Bezugspunkt geben. An dessen Stelle tritt eine Pluralität von Mittelalterentwürfen, die keineswegs in einer dichotomen Form als wahr oder falsch deklariert werden können. Dabei entsteht in jeder Konfiguration ein je eigenes Mittelalter. An die Stelle eines ‚Mittelalters‘ treten mit anderen Worten viele Mittelalter, ohne dass man hierbei zwangsläufig der Wissenschaftlichkeit des Faches verlustig ginge. Vielmehr muss es darum gehen, die Bedeutungen dieser Entwürfe zu begreifen. 

Eine Auseinandersetzung mit dem ‚Mittelalter der DDR‘ am Beispiel des Feudalismus bietet folglich die noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit, das Wissen eines vermeintlich abgeschlossenen (was es zu hinterfragen gilt), und (oder: aber) überschaubaren Denkkollektivs zu analysieren. Hierbei erlaubt der Umstand einer politisch geteilten Nation zusätzlich eine komparatistisch angelegte Betrachtung eines ursprünglich zusammengehörenden Wissenschaftssystems, dessen ostdeutsche Fortsetzung nach 1945 einem ganz spezifischen Spannungsverhältnis unterlag.  Denn als ‚Konstitutionsnarrativ‘ war der Feudalismus in organischer Weise Teil des Sozialismus, wohingegen die Mediävistik der DDR zunächst in den traditionellen Bahnen weiterlief. Hierfür mitverantwortlich war die Personalsituation nach dem Krieg, da – anders als in der Neueren und Neuesten Geschichte – keine marxistischen Kapazitäten für die Ausbildung eigener ‚Kader‘ zur Verfügung standen. Darüber hinaus hatte (und hat) die spezifische Quellensituation des Mittelalters eine kohäsionsstiftende Bedeutung und unterscheidet diese von den anderen Epochen. Aufgrund der (zumindest für das Früh- und Hochmittelalter) immer überschaubaren Zahl sowie der allgemeinen Zugänglichkeit durch Editionen standen (und stehen) sämtliche Arbeiten zur mittelalterlichen Geschichte auf denselben Voraussetzungen. Dementsprechend scheint es geboten, den eigenen Untersuchungsgegenstand als Produkt einer zeit- und kontextgebundenen Auseinandersetzung einer keineswegs homogenen Gruppe von Mittelalterhistorikern im Wissenschaftssystem der DDR zu verstehen, die auf exakt derselben Quellenbasis wie ihre westdeutschen Kollegen zu einem unverkennbar anderen Bild des Mittelalters gelangten.

Eine grundlegende Beschäftigung mit der Mittelalterforschung der DDR muss als Desiderat angesehen werden. Das Forschungsprojekt an der Schnittstelle von Mediävistik, Zeitgeschichte und Wissenschaftsgeschichte befindet sich folglich in der ungewöhnlichen Situation, auf einem gesicherten und breiten Forschungsstand zur Geschichtswissenschaft der DDR aufbauend, bezogen auf das Mittelalter weitestgehend Neuland zu betreten.