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Dissertationsprojekt von Adrian Kammerer

Frauengemeinschaften und die Ausbreitung der dominikanischen Drittordensregel in der Teutonia (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt wird im Rahmen des Graduiertenkollegs 2212 „Dynamiken der Konventionalität, 400–1550“ angefertigt. Es beschäftigt sich mit einem bisher wenig beachteten Themenfeld: Dem dominikanischen Drittorden.

Anders als bei den konkurrierenden Minoriten kam es – ausweislich der jüngsten Forschung und im Widerspruch zu älteren Darstellungen – bei den Predigerbrüdern erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts zur päpstlichen Anerkennung einer Regel für Laien, die ihr Leben im Sinne der Ordensspiritualität gestalten wollten. Die wenigen hierzu verfügbaren geschichtswissenschaftlichen Titel lassen erhebliches Potential für weitere Forschungen erkennen. So gibt es eine ungelöste Kontroverse, ob die stärkere Anbindung existenter Laiengemeinschaften an den Orden eher auf die Initiative der Ordensleitung und der römischen Kurie oder aber auf das Reformbedürfnis der neu eingegliederten Gruppen selbst zurückzuführen sei. Zudem zeigen die bisher fast ausschließlich auf den italienischen Raum bezogenen Forschungsergebnisse, dass es dort vor allem Frauengruppierungen waren, die sich der (theoretisch auf beide Geschlechter hin formulierten) Regel annahmen. Dies wirft die Frage auf, wie sich die zahlreichen im deutschsprachigen Raum – im Rahmen des Projektes sinnigerweise die Ordensprovinz Teutonia – verbreiteten geistlichen Frauengemeinschaften zu der neuen Regel verhielten. Unter welchen Bedingungen wurde sie angenommen, unter welchen abgelehnt, wer waren die Akteurinnen und Akteure des (möglichen) Wandels? Diskutiert werden muss in diesem Zusammenhang auch, inwiefern eine oft postulierte Konzentration der spätmittelalterlichen Reformbewegung auf monastische Ideale für Frauen den ursprünglich vom klösterlichen Ordenszweig klar unterscheidbaren Lebensentwurf der Drittordensregel „verwässerte“. Um solche Fragen zu beantworten, muss das Projekt unterschiedlichstes Quellenmaterial analysieren. So sind die Schriften der bekannten deutschsprachigen Ordensreformer, etwa von Johannes Nider, noch kaum in Bezug auf den Drittorden ausgewertet worden. Ähnliches gilt für Akten und Briefsammlungen der Ordensleitung. In beiden Fällen müssen auch Inedita zur Sprache kommen. Die allgemeine Geschichte des Drittordens soll durch Fallstudien zu einzelnen Gemeinschaften von Drittordensschwestern ergänzt werden, für die teils ausschließlich archivalisch greifbares Material benutzt werden soll.

Entstehung, Annahme, Ablehnung und Wandel dieser neuen Lebensregel zu diskutieren, heißt, die Bedingungen verstehen zu wollen, unter denen geistliches Gemeinschaftsleben konventionell verfasst war. In diesem Sinne bietet das ordensgeschichtliche Projekt die Chance, die im interdisziplinären Kontext zu erarbeitenden „Dynamiken der Konventionalität“ auf konkrete historische Beispiele zu beziehen.

 

Kurzbiografie

Adrian Kammerer studierte 2012–2016 im Bachelor Geschichtswissenschaft und Katholische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Es folgte 2016–2018 der Master in Mittelalterstudien (mit Schwerpunkt Mittelalterliche Geschichte) an der Universität zu Köln. Die Masterarbeit zu Misogynie bei Johannes Gerson wurde mit dem Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät ausgezeichnet. Kammerer arbeitete als studentische Hilfskraft am Seminar für Mittelalterliche Geschichte Tübingen sowie beim DFG-Projekt Corpus Inscriptorum Vitebergense. Nach dem Studium war er als wissenschaftliche Hilfskraft am Historischen Institut Köln tätig, bis er im April 2019 eine Promotionsstelle im Graduiertenkolleg 2212 „Dynamiken der Konventionalität, 400–1550“ antrat. Das Dissertationsprojekt wird unter der Erstbetreuung von Prof. Dr. Sabine von Heusinger angefertigt.

Kontakt: adrian.kammerer(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

„Ein weltliches Trennungsurteil durch den Kaiser? Überlegungen zum Tiroler Eheskandal“, in: Tiroler Heimat. Zeitschrift für Regional- und Kulturgeschichte Nord-, Ost- und Südtirols, 82, 2018, S. 123–169.

 

Vorträge

„Geschlechterdiskurse am Werk? Gender und die Ausbreitung des dominikanischen Drittordens“, 6. Juli 2019, Genderdiskurse in Bettelorden. Ein interdisziplinärer Workshop, Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

„Frauengemeinschaften und die Annahme der dominikanischen Drittordensregel in der Teutonia“, 8. Februar 2019, Workshop Dominikanerstudien 2019, Dominikanerkonvent Hl. Kreuz Köln

 

Auszeichnungen

2019: Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln für seine Masterarbeit zu Misogynie bei Johannes Gerson

 

Titelbild: Beginn einer deutschsprachigen Übersetzung der Drittordensregel, 1483, Leipzig, Universitätsbibliothek, Ms 1548, f. 121 v, Credit: Public Domain Mark 1.0 // Portraitfoto: Patric Fouad