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Von Höhen und Tiefen

Zur Wiederaufführung eines vergessenen Chorrepertoires

von Christoph Müller-Oberhäuser

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Zum Abschluss des von der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne geförderten musikwissenschaftlichen Dissertationsprojekts „Der singende ‚deutsche Mann‘ im Wettbewerb“ wird am 28. Juni 2019 um 20 Uhr in der Kölner Trinitatiskirche ein Konzert der besonderen Art stattfinden: Einst überaus beliebt und verbreitet, heutzutage jedoch von der Konzertbühne nahezu verschwunden, werden ‚Highlights‘ des deutschen Männerchorrepertoires des 19. Jahrhunderts erklingen – präsentiert von dem renommierten und international erfolgreichen Ensemble Vocapella Limburg (Leitung: Tristan Meister) und gepaart mit erläuternden Moderationsbeiträgen, die einen Einblick in die spannende und anekdotenreiche Geschichte der Männerchorwettbewerbe in Deutschland bieten. Christoph Müller-Oberhäuser, Kollegiat der a.r.t.e.s. Graduate School, berichtet über die Idee zu dem Gesprächskonzert.

Der Männerchor – vom Aussterben bedroht?

Männerchöre haben heute nicht unbedingt den besten Ruf: Der ‚Männergesangverein‘ als solcher mutet vielen sowohl von seiner Organisationsform als auch von den häufig noch recht traditionellen Umgangsformen her als ‚verstaubt‘ an. Auch wird nicht selten die Qualität traditioneller Männerchorliteratur in Frage gestellt, deren Texte häufig als ebenso überholt angesehen werden wie die dazu komponierte Musik. Die Folgen dieser skeptischen Haltung sind deutlich erkennbar: Viele Männerchöre leiden seit Jahrzehnten an Überalterung und Nachwuchsmangel. Im Ergebnis bleibt ihnen als Alternative zur Auflösung oft nur ein Zusammenschluss mit anderen Vereinen oder die Öffnung hin zum gemischten Chor – Maßnahmen, die allerdings von vielen Vereinen sehr ungern oder nur unter erheblichem Widerstand der alteingesessenen Mitglieder eingeleitet werden. Nur wenigen – wie beispielsweise dem Kölner Männergesangverein – gelingt es, die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Leistungsfähigkeit auf einem vergleichsweise hohen Niveau zu halten – in diesem konkreten Fall nicht zuletzt bedingt durch die weithin bekannten karnevalistischen Aktivitäten des Vereins.

Ein Blick zurück: Das Männerchorwesen um 1900

Beschäftigt man sich als Historiker bzw. Historikerin mit dem Männerchorwesen, so stellt man schnell fest, dass die Situation vor gut 100 Jahren noch grundsätzlich anders war: Um 1900 gab es kaum ein Dorf, das nicht mindestens einen Männergesangverein beherbergte. In den großen Städten konkurrierten zahlreiche Vereine um die Gunst des Publikums und sängerisch leistungsstarke Mitglieder. Der Männerchor war beliebt als Hort männlicher Geselligkeit, als Pflegestätte für patriotisch-nationalistisches Liedgut und schließlich auch deshalb, weil man sich ohne größere Vorbildung künstlerisch betätigen konnte. Zur Popularität trug überdies bei, dass der Männergesang Unterstützung von allerhöchster Stelle erfuhr: Wilhelm II. persönlich setzte sich für das Männerchorwesen ein und initiierte unter anderem einen großen Chorwettbewerb für die besten Vereine des Reiches. Dieser fand ab 1899 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs insgesamt vier Mal mit tausenden von Zuhörerinnen und Zuhörern bei persönlicher Anwesenheit des Kaisers und seiner Gattin in Kassel und Frankfurt statt.

Die Attraktivität des Männerchors bzw. des Männergesangvereins ging allerdings zulasten anderer Vereinigungen: So klagten viele Chorleiter darüber, dass es den gemischten Chören an Nachwuchs fehle. Offenbar bevorzugten viele Sänger die lockere Atmosphäre des Männergesangvereins gegenüber dem Zusammensein mit Frauen im gemischten Chor, bei dem man sich nach gängiger Etikette anders hätte verhalten und sich beispielsweise beim beliebten Alkohol- und Tabakkonsum (teils auch während der Proben) hätte einschränken müssen.

Mehr als nur Geselligkeit: Die künstlerische Seite der Männergesangvereine

Dass Geselligkeit und Unterhaltung in den Vereinen eine wichtige Rolle spielten, bedeutet indes nicht, dass die Vereine und ihre Dirigenten grundsätzlich nicht leistungs- oder kunstinteressiert gewesen wären. Schaut man sich das Männerchorrepertoire der Zeit an, fällt auf, dass neben den zahllosen Volksliedsätzen und ‚Liedern im Volkston‘ auch sehr anspruchsvolle Werke standen. Neben Kompositionen für Männerchor und Orchester waren es vor allem die teils äußerst schweren A-cappella-Männerchorballaden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr nur von den wenigen Spitzenvereinen wie dem Kölner oder Wiener Männergesangverein, sondern auch von zahlreichen kleineren, leistungsorientierten Vereinen gepflegt wurden.

Damit die Vereine diese schweren Stücke bewältigen konnten und künstlerisch ernst genommen wurden, musste man sie allerdings zu verstärkten Anstrengungen motivieren – und nicht zuletzt an dieser Stelle kamen Wettbewerbe ins Spiel: Sie waren das zentrale Forum, auf dem sich leistungsorientierte Vereine auszeichnen und fortbilden konnten. Dabei spielten Pflichtstücke eine entscheidende Rolle: Mit Kompositionen, die den Vereinen einige Zeit vor den Wettbewerben zur Einstudierung zugesandt wurden, sollte die Leistungsfähigkeit der Sänger getestet und geschult werden. Mit so genannten Stundenchören, d.h. Teststücken, die von den Chören innerhalb einer Stunde am Wettbewerbsort einzustudieren waren, sollte die Fähigkeit des Vom-Blatt-Singens und damit des Notenlesens überprüft werden.

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Männerchor mit Rhein: Das Ensemble Vocapella Limburg (Foto: Ensemble Vocapella Limburg)

Idee des Konzertes: Nicht Rettung, sondern Dokumentation

Vor dem Hintergrund dieser Befunde entstand im Laufe meines Dissertationsprojektes zur Geschichte der Chorwettbewerbe im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Idee, zum Abschluss ein Konzert mit klingender Musik aus diesem historisch-gesellschaftlichen Kontext zu veranstalten. Dabei ist es ausdrücklich nicht mein Ziel, ein vermeintlich zu Unrecht vergessenes Repertoire zu ‚retten‘, sondern anhand ausgewählter Beispiele die interessante Geschichte des deutschen Männerchorwesens und der Chorwettbewerbe zu dokumentieren und einen Einblick in Denkweisen und Mentalitäten früherer Generationen zu geben. Dementsprechend habe ich die Form des Gesprächskonzerts gewählt, in welchem die Musikstücke mit sowohl informativen als auch unterhaltsamen Moderationsbeiträgen ergänzt werden. Für den Vortrag der Chorwerke konnte ich den national wie international mehrfach ausgezeichneten Männerkammerchor Ensemble Vocapella Limburg (Leitung: Tristan Meister) gewinnen. In Absprache mit dem Chor wurde ein buntes Programm zusammengestellt, in dem sich sowohl einige ‚Renner‘ der Wettbewerbsliteratur der damaligen Zeit als auch Pflichtstücke früherer Wettbewerbe wiederfinden.

Alle Interessierten, die sich auf eine etwas andere Zeitreise in das Musikleben des 19. Jahrhunderts begeben möchten, sind herzlich zu diesem Konzert eingeladen!