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Dissertationsprojekt von Nicolai Busch

Literarischer Konservatismus. Narrations-, Distinktions- und Diskursstrategie deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. (Arbeitstitel)

Wo einer deutschsprachigen Gegenwartsliteratur von Literaturwissenschaft und -kritik formaler und/oder weltanschaulicher Konservatismus attestiert wird, geschieht dies meist unter Verweis auf ästhetische und philosophische Traditionen der literarischen Moderne. Romantisch-ästhetizistisch etwa sei das Autonomiepostulat oder das ironische Spiel konservativer Literatur. Ihre religiöse Aufladung eines geschichtslosen ›Schönen‹ und ihre pessimistische Kulturkritik von geistesaristokratischer Warte stehe in der ästhetisch-fundamentalistischen Tradition eines Stefan George. An Akteure der konservativen Revolution fühlt sich die Forschung erinnert, wo eine konservative Gegenwartsliteratur deren antimoderne und antiliberale Ansichten imitiere. Stets, darin scheint man sich einig, liegt das konservativ-ästhetische Moment zeitgenössischer Texte in der bloßen Wiederbelebung und Fortführung bekannter Muster. Mehr als einen rein ästhetischen Oppositionscharakter will die Forschung konservativen Texten kaum zusprechen.

Einer solchen traditionsbezogenen Deutungsweise beabsichtigt das Projekt eine bisher vernachlässigte kulturpoetische und kultursoziologische hinzuzufügen: Mittels text-kontext-theoretischer Analysen fiktionaler wie nicht-fiktionaler Texte, ästhetischer Positionierungen und sozialer Positionen verschiedener AutorInnen (darunter Christian Kracht, Uwe Tellkamp und Daniel Kehlmann) sollen Narrations-, Distinktions- und Diskursstrategien ermittelt werden, welche, so die Hypothese, vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels das politisch-konservative ›Normalspektrum‹ (J. Link) unserer Zeit ästhetisch modellieren, (de)konstruieren und aktiv mitgestalten. Im Zentrum des Vorhabens steht damit, neben einer intra- und intertextuellen Untersuchung konservativer Texte, vor allem die Verhältnisbestimmung gesellschaftlich-politisch- und ästhetisch-konservativer Wissensfelder bzw. ihrer Austauschprozesse (S. Greenblatt). Insofern gezeigt werden kann, dass und wie liberal-konservative, bildungsbürgerlich-wertkonservative, aber auch aktuelle neurechte Denkmuster Eingang ins literarische Feld finden, beabsichtigt das Projekt nicht weniger, als eine bis vor kurzem noch semantisch entleerte Weltanschauung in ihrer aktuell wiedererstarkenden politischen, ideologischen und ästhetischen Schlagkraft kritisch zu erfassen.

 

Kurzbiographie

Nicolai Busch studierte Medienwissenschaft und Germanistik (BA) in Tübingen, Kulturpoetik (MA) in Münster und Komparatistik (MA) in Wien. Er arbeitete als studentische Hilfskraft und Tutor am Tübinger Lehrstuhl von Prof. Bernhard Pörksen sowie am Münsterer Lehrstuhl von Prof. Britta Herrmann. Im Oktober 2017 genoss er ein Jelinek-Aufenthaltsstipendium in Graz. 2018 schloss er sein Masterstudium mit einer Arbeit zur ›Wut als Text-Kontext-Phänomen‹ bei Elfriede Jelinek ab. Im WS 2018/19 war er Pre-Doc-Stipendiat der a.r.t.e.s. Graduate School. Seit Januar 2019 ist er Promotions-Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst und seit April 2019 Kollegiat bei a.r.t.e.s. Sein Dissertationsprojekt wird von Prof. Nicolas Pethes betreut. Neben wissenschaftlichen Publikationen hat er Prosa in deutschen und österreichischen Literaturzeitschriften und Hörspiele im Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

Kontakt: nbusch3(at)smail.uni-koeln.de

 

Aktuelles

Workshop: Ästhetischer Konservatismus im Deutschrap. a.r.t.e.s. Graduate School, Köln, 05.–06. Dezember 2019 (CfP).

 

Publikationen

Wut als Text-Kontext-Phänomen. Am Beispiel von Elfriede Jelineks Wut (2015). (18.05.2018). Auf: Forschungsplattform Jelinek. https://jelinetz.com/2018/05/18/nicolai-busch-wut-als-text-kontext-phaenomen-am-beispiel-von-elfriede-jelineks-wut-2015/ (08.04.2019).

Kein Raum für Verhandlung. Elfriede Jelineks Theatertext Wut (2015). In: Janke, Pia / Sczcepaniak, Monika (Hrsg.): Jelineks Räume. DISKURSE. KONTEXTE. IMPULSE. Wien: Praesens 2017, S. 151–164.

Ethische Ambivalenz bei Elfriede Jelinek. In: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft, Jg. XLVII/2016, 1. Halbband. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, S. 53–67.

 

Vorträge

Post Pragmatic Naivety? Zur Entsagung von Komplexität bei Leif Randt. Vrsl. Juli 2020. XIV. Internationale Konferenz der Vereinigung für Germanistik, Universität Palermo.

Beyond the Surface? Figures of Transcendence in US and German ›New Sincerity Fiction‹. 25. Januar 2019. International New Sincerity Conference, Universität Jena.

Konservative Verfahren und Feldpositionen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 23. Januar 2019. a.r.t.e.s.-Pre-Doc Kolloquium, Universität zu Köln.

Heimatverlust in Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen (2013). 18. Dezember 2018. Gastvortrag im Seminar ›Politische Literatur 1968–2018‹, unter der Leitung von Jun.-Prof. Wiebke Dannecker, Universität zu Köln.

»Ich träume von einer langen Treppe.« Denkfiguren des Transzendenten im post-postmodernen Gegenwartsroman. 07. September 2018. VI. Internationale Konferenz des Europäischen Netzwerks für Studien zur Avantgarde und Moderne (EAM), Universität Münster.

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2018/19

Seminar: Dorfgeschichten 1840/2010, gemeinsam mit Prof. Cornelia Blasberg, Germanistisches Institut, Universität Münster.