zum Inhalt springen

Dissertationsprojekt von Adrian Meyer

Vom Wert des Wertes. Zum ökonomischen Diskurs mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Erzählliteratur (Arbeitstitel)

Dass Geld und Welt sich im Deutschen erst seit der Frühen Neuzeit reimen, heißt nicht, dass Geld nicht auch vorher bereits eine enorme Bedeutung für diejenigen Teile der Gesellschaft hatte, die durch schriftliterarische Quellen für die heutige Forschung fassbar geblieben ist. Romane und Epen des Mittelalters kennen Geld und allgemeiner Wertvorstellungen auf vielen Ebenen, sei es als Teil der Handlung, der Figurenrede oder als Äußerung der Erzählinstanz als rhetorisches Mittel.

Um vernünftige begriffliche Grundlagen zu schaffen, muss im Rahmen des Projektes vorerst ausgelotet werden, welche Disziplinen neben der literaturwissenschaftlichen Forschung für die Perspektivierung des Wertdiskurses berücksichtigt werden sollten. Die wichtigsten Punkte seien hier kurz zusammengefasst: Wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftshistorische Forschung erhellt die Konzepte und Ideen, die vor rund 800 Jahren Teil des kulturellen Horizonts einer literarisch gebildeten Schicht waren. Verbunden mit Materieller Kulturwissenschaft kann so gezeigt werden, welcher epistemologische, ethische oder pragmatische Status materiellen Objekten wie Münzen, (Edelmetall-)Barren, objets d’art oder auch Sklaven zugeschrieben wurde. Die Verhandlung vormoderner Gegenstandsbegriffe soll somit in ihrer historischen Spezifizität ermöglicht werden, ohne auf potentiell anachronistische Konzepte der Wertzuschreibung oder Wirtschaftstheorie zurückgreifen zu müssen. Hinzu treten im weitesten Sinne theologische sowie juristische Quellen, die normative Vorgaben zum Umgang mit Wert tragenden Gegenständen thematisieren.

Für einen verstehenden Nachvollzug der mittelalterlichen Erzähltexte sind Klärungen dieser Art notwendig. Das darauf aufbauende Erkenntnisziel der literaturwissenschaftlichen Arbeit liegt in der Erfassung materiellen Wertes in seiner narrativen Einbettung. Tausch, Austausch, Geschenk oder (versuchter) Raub ermöglichen Handlungskomplexe, die ihre je eigene Axiologie und Funktionalisierung der Wertobjekte entwerfen und dazu führen können, dass normative und geographische Grenzen überschritten werden oder die Handlung beispielsweise zum Stillstand kommt oder deeskaliert. Das narrative Möglichkeitsspektrum materieller Wertkonstruktionen anhand erzählender Texte des Mittelalters (bspw. Der gute Gerhard, Flore und Blanscheflur, Der Pfaffe Amis, König Rother) auszuleuchten, also an einer „Narratologie des Wertes“ zu arbeiten, stellt das analytische Anliegen der Arbeit dar.

 

Kurzbiographie

Adrian Meyer studierte 2011–2016 Germanistik und Musikwissenschaft an den Universitäten Köln und Cambridge, gefördert durch ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Abschlussarbeiten, beide betreut durch Prof. Monika Schausten im Bereich der älteren deutschen Literatur, befassten sich mit „Reichtum aus der Anderwelt. Zur Ökonomie mythischer Schätze in den Romanen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ (Bachelorarbeit, 2014, ausgezeichnet mit dem Fakultätspreis der philosophischen Fakultät Köln) sowie mit „Fortuna und Langeweile. Zur poetologischen Funktion der Zeitkonzepte in Heinrichs von dem Türlin ‚Diu crône‘“ (Masterarbeit, 2016). Im Wintersemester 2015/16 studierte er für sechs Monate an der Universität Cambridge, finanziert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes, mit besonderem Fokus auf mediävistische Literatur- und Kulturwissenschaft. Seit 2013 arbeitete er bei Dr. Christiane Krusenbaum-Verheugen als studentische Hilfskraft für die Redaktion der Zeitschrift für Deutsche Philologie, bis er ab März 2017 eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle für ein Jahr an der Universität zu Köln annahm. Im Mai 2017 wurde auch das aktuelle Promotionsprojekt bei Prof. Monika Schausten zu Ökonomie- und Wertdiskursen in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters aufgenommen. Seit April 2018 führt er dieses Projekt fort als Mitarbeiter im Graduiertenkolleg „Dynamiken der Konventionalität (400-1550)“ fort, ideell erneut gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes.

Kontakt: ameyer14(at)uni-koeln.de

 

Vorträge

03/2018: “Mythische Ökonomie. Prozesse der Wertkonstruktion im Fortunatus“, Prager Germanistische Studententagung, Karlsuniversität Prag, 24.03.2018

09/2018: “More than Meets the Eye. Spatial Aspects of Treasures and Valuable Things in Medieval German Literature”, AHRC DTP Conference on “Space and Surface”, University of Cambridge, 19.09.2018

11/2018: “Fair Trade. Rewriting the story of Josef and the logic of equivalence”, Cologne-Toronto Graduate Student Colloquium, University of Toronto, 03.11.2018

 

Publikation

Mit Antje Strauch: Mythischer Gegenstand unverkäuflich: Zum mythischen Gegenstandsbewusstsein als Verbindung zwischen Mittelalter und Computerspiel, in: Paidia. Zeitschrift für Computerspielforschung, 28.09.2018 (http://www.paidia.de/mythischer-gegenstand-unverkaeuflich-zum-mythischen-gegenstandsbewusstsein-als-verbindung-zwischen-mittelalter-und-computerspiel/)

 

Lehrveranstaltungen

SoSe 2018: Proseminar „Mythostheorien“

WiSe 2018/19: Proseminar „Mittelalterliche Dinge erzählen“

Titelbild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons) // Portraitfoto: Patric Fouad