skip to content

Selected Language Not Found

This page is not available in the language that was selected in the URL (L=19). You will be redirected to an existing language of this page. Please click here to go to an existing language.

Dissertationsprojekt von Frank Zickenheiner

Argumentation und Subordination im Diskurs (Arbeitstitel)

Spätestens seit Stalnaker, (1978) ist es in der Sprachphilosophie und in der formalen Pragmatik und Semantik eine übliche Annahme, dass Dialogpartner während einer Konversation ein common ground aufbauen, bzw. dass der Aufbau eines common ground die Haupttriebfeder für Kommunikation im Allgemeinen ist. Dabei verstehen wir hier zunächst Kommunikation als verbale Kommunikation, d.h. den (koordinierten) Austausch gesprochener Sprache Der common ground ist für uns im Folgenden eine Menge von Propositionen, d.h. Aussagen über die Beschaffenheit der Welt, welche von allen beteiligten Kommunikationspartnern (im Kommenden Agenten genannt) geglaubt werden (ohne das sie in irgendeiner Form wahr sein müssen) und von denen angenommen wird, dass sie gemeinsam geglaubt werden. Das führt zu der folgenden handlichen

Definition Es seien a und b Diskursagenten und es sei cg = cga,b der common ground von a und b. Für eine Proposition Φ gilt: Φ ∈ cg genau dann, wenn Ba(Φ) cg und Bb(Φ) ∈ cg, wobei mit Bx(ψ) die Proposition [B glaubt ψ] bezeichnet sei.

Aus der Zirkularität in dieser Definition lässt sich instantan eines der wesentlichen Probleme des Konzepts des common grounds ablesen: es ist i.A. nicht möglich zu ermitteln, wann, oder nur ob eine Proposition Element des common grounds geworden ist oder nicht: beim Entpacken der Bedingungen in der Definition wird man in einen infiniten Regress verfallen. Das mag man bedauerlich finden, aber tatsächlich spiegelt diese Eigenschaft des sehr engen Begriffs von common ground, wie wir ihn oben definiert haben, sehr gut die empirische Erfahrungslage des Sprachverwenders wieder: es ist schlechterdings nicht möglich Bewusstseinszustände abzugleichen, um festzustellen, ob eine Aussage im common ground enthalten ist oder eben nicht.¹ Nichts desto weniger scheint Kommunikation manchmal erfolgreich stattzufinden: man kann sich darüber einigen, welche Biersorten man kaufen möchte, und die empirische Evidenz über einen gelungenen Einigungsprozess wird dann eben das Vorhandensein einiger Flaschen der gewünschten Biersorte im Keller oder Kühlschrank sein. Aber auch ein gelungener Einigungsprozess, wie er im Falle eines koordinierten Bierkaufes geschehen ist, muss nicht unkomplizierte notwendige Bedinungen durchlaufen, welche unter anderem von Clark und Brennan, (1991) beschrieben wurden. Das Durchlaufen dieser Bedingungen wird grounding genannt. Dieser Prozess kann als niederschwelligsste, aber vielleicht wichtigste Bedingung für einen common ground update interpretiert werden. Angenommen a äußert b gegenüber eine Behauptung u dem propositionaeln Gehalt pu = Prop(u). Damit ein common ground update um pu Erfolg haben kann, müssen folgende notwendige Bedingungen erfüllt sein:

1. b muss sich von a angesprochen fühlen

2. b muss u akkustisch richtig verstanden haben

3. b muss u korrekt zu p dekodiert haben

4. b muss p akzeptieren.

Ferner muss für einen erfolgreichen Groundingprozess auch der Sprecher a wissen, dass diese Schritte durchlaufen wurden, weshalb b Zeichen von positiver Evidenz geben muss, um das (vermeintlich) Gelingen der Schritte 1.–4. zu signalisieren. Als positive Evidenz gelten kommunikative Akte wie Kopfnicken, ein Ja oder ein bestätigendes mhm bzw ähä. D.h. das mhm des Hörers, hat die kommunikative Funktion, einen gelungennen Groundingprozess zu signalisieren. Solche Dialogbewegungen sind empirisch häufig zu beobachten und markieren, dass man gehört, verstanden und akzeptiert hat, was der Sprecher vermitteln wollte. Nichts desto weniger bedeutet auch das markieren einer Äußerung als akzeptiert nicht zwangsläufig, dass alle vier Schritte korrekt durchlaufen wurden: a und b können zum Beispiel jeweils einen Eigennamen in unterschiedliche Referenten auflösen, ohne dass sie während der Kommunikation Notiz davon nehmen brauchen. Dann akzeptiert man jeweils Propositionen welche über den jeweils anderen Referenten prädizieren, was aber bedeutet, dass die in den jeweiligen Äußerungen kodierten Propositionen niemals common ground werden können. Agenten können eben sprichwörtlich „aneinander vorbei Reden“, ohne dass sie es merken.

Das vorgeschlagenen Projekt befasst sich mit der Analyse von Kommunikationsbewegungen, von denen wir annnehemen, dass es ihre Funktion ist, bestimmten Probleme im Groundingprozess zu beheben, bevor sie enstehen. Dazu zählen Reperaturbewegungen, wie das Eigenständige Auflösen von Personalpronomina oder Anaphern, wie z.B. in (1) oder das selbständige Elaborieren über selbstgemachte Assertionen wie in (2).

(1) Zu dieser Zeit, also um Weihnachten rum, wohnte er, Heiner, aber schon längst in München.

(2) Er sah ungepflegt aus. Also unrasiert und mit zerknittertem Hemd.

Es soll gezeigt werden, dass solche Konversationsbewegungen dadurch entstehen, dass der Sprecher potentielle Probleme beim grounding in den Schritten 3. und 4. detektiert, und zwar durch Annahmen des Sprechers über die epistemische Zustände des Hörers. Unter diesen Annahmen soll ein Diskursmodell konzipiert werden (im Rahmen von Diskursdarstellungstheorie), aus dem man gängige Kommunikationsmaximen ableiten kann.

¹ Ich sehe in diesen Eigenschaften des common grounds übrigens Analoga zu Problemen bzw. Eigenschaften der systemtheoretischen Kommunikationstheorie, vorgeschlagen in „Was ist Kommunikation“ durch Luhmann, (2001). Der common ground als gemeinsame Menge von Propositionen entspricht (glaube ich) der Luhmannschen Idee, dass Menschen nicht kommunizieren können: alle Kommunikationen sind selbsterhaltende Prozesse eines Kommunikationssystems, welches allerdings in komplizierten Welchselwirkungen zu den beteiligten Bewusstseinszuständen steht. Ebenso wie ein Agent also keinen direkten Zugriff auf die Kommunikation als solches haben kann, hat er auch keinen Zugriff auf den common ground. Ferner sehe ich in der Luhmannschen Formel des Zwecks der Kommunikation als Reduktion von doppelter Kontingenz (also der ständigen, gegenseitigen Ungewissheit über Absicht, Glauben, Hoffen... des Kommunikationspartners) eine systemtheoretische Version der Zirkularität in der obigen Definition.

Literatur

Clark, Herbert H. und Susan E. Brennan (1991). „Grounding in Communication“. In: Perspectives on socially shared cognition, S. 127–149.

Luhmann, Niklas (2001). Aufsätze und Reden. Hrsg. von Oliver Jahraus. Reclam.

Stalnaker, Rober (1978). „Assertions“. In: Syntax and Semantics 9, S. 315–332.

 

Kurzbiographie

Frank Zickenheiner studierte von Oktober 2009 bis September 2016 Mathematik, Philosophie und Theologie in Bonn. Seit April 2017 ist er Mitarbeiter im Projekt C06 Prominence in Subordinated Rhetorical Relations im SFB 1252 Prominence in Language. Seine Forschungsinteressen umfassen die Gebiete Formale Semantik und Pragmatik, Sprachphilosophie, Diskurstruktur, Logik natürlicher Sprachen und Epistemische Logik.

Kontakt: frank.zickenheiner(at)uni-koeln.de

 

Titelbild: Forschungsliteratur (Foto: Frank Zickenheiner) // Portraitfoto: Patric Fouad