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Dissertationsprojekt von Eva-Maria Cersovsky

Pflege und Geschlecht. Frauen und Männer in Straßburger Gesundheits- und Fürsorgestrukturen des späten Mittelalters, 1350–1550 (Arbeitstitel)

In der spätmittelalterlichen Stadt wurde Gesundheitsfürsorge über eine Vielzahl unterschiedlicher, oftmals eng verflochtener Träger und Formen gestaltet. In Familie und Nachbarschaft, am Krankenbett und auf der Straße, im Rahmen von Hospitälern, Leprosorien oder Bruderschaften wurden Bedürftige mit Arzneien behandelt, beim Baden und der täglichen Körperpflege unterstützt, mit Nahrung versorgt und spirituell betreut. Laien und Religiose, Personen verschiedener Schichten, unterschiedlichen Geschlechts sowie medizinischen Wissensstands waren hier mit-, neben- und gegeneinander an der Sorge für kranke und alte Menschen beteiligt. Obgleich diese Strukturen der Gesundheits- und Armenfürsorge gerade im letzten Jahrzehnt wieder verstärkt in das Interesse der Mittelalterforschung geraten sind, fehlen für den deutschsprachigen Raum bislang einschlägig-systematische Studien, die das Verhältnis von Pflege und Geschlecht in das Zentrum ihrer Analyse stellen.

Hier setzt das geplante Dissertationsvorhaben an. Ziel ist es, anhand des Beispiels der freien Reichsstadt Straßburg zwischen ca. 1350 und 1550 die Bedeutung der Differenzkategorie Geschlecht für die Diskurse, Ordnungen und Praktiken städtischer Gesundheitsfürsorge umfassend zu untersuchen. Auf der Grundlage eines breiten, zum großen Teil unveröffentlichten Quellenkorpus stehen sowohl die Pflegetätigkeiten und verschiedene daran beteiligte Individuen, Gruppen und Institutionen als auch die Bedürftigen und die etwaigen geschlechtsspezifischen Möglichkeiten der Versorgung im Mittelpunkt der Untersuchung: Welche Muster der Arbeits- und Aufgabenteilung lassen sich feststellen? Wie gestaltete sich der soziale, rechtliche und materielle Status von pflegenden wie bedürftigen Frauen und Männern? Besaßen Frauen und Männer gleichen Zugang zu Angeboten der Pflege, wurden sie etwa in ähnlichem Umfang von karitativen Institutionen aufgefangen? Inwiefern wurden ihre Handlungsoptionen von Notständen und Krisenzeiten sowie der zunehmenden Formalisierung der Gesundheitsfürsorge um 1500 beeinflusst? Welche Geschlechterbilder, welche medizinischen, didaktischen und theologischen Diskurse prägten ihre Handlungsspielräume?

Das Projekt spürt diesen und weiteren Fragen nach, indem es Geschlecht als mehrfach relationale Kategorie konzeptualisiert. So werden nicht nur die Relationen von Frauen und Männern beleuchtet, sondern auch die Verschränkungen von Geschlecht und anderen Differenzkategorien berücksichtigt, wie beispielsweise Stand bzw. Schicht und Milieu, Alter oder Familienstand. Über die Verbindung dieses geschlechtergeschichtlichen Ansatzes mit Perspektiven der Medizin-, Armuts- und Stadtgeschichte versteht sich die Arbeit als Beitrag zu einer differenzierten Gesellschaftsgeschichte spätmittelalterlich-städtischer Gemeinschaften.

 

Kurzbiographie

Eva-Maria Cersovsky, geb. 1990, studierte von 2009 bis 2015 Geschichte, Anglistik und Erziehungswissenschaften an der Universität zu Köln und der Durham University, Großbritannien (Erasmus). Von 2013 bis 2015 war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ihr 1. Staatsexamen schloss sie mit einer Arbeit zu „trackheit – anfechtung – verzagen. Zweifel an und Entfernungen von Gott im Spätmittelalter“ ab, die mit dem Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln ausgezeichnet wurde. Am Historischen Institut in Köln war sie von 2012 bis 2016 zunächst als Studentische, dann als Wissenschaftliche Hilfskraft tätig. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin konnte sie dort im Sommersemester 2016 erste Erfahrungen in der Lehre sowie im akademischen Mittelbau sammeln. Ab Oktober 2016 ermöglichte ihr das Promotionsvorbereitungsstipendium der a.r.t.e.s. Graduate School, ihr Dissertationsvorhaben zu entwickeln und eine weitere Forschungsreise nach Straßburg zu unternehmen. Seit April 2017 ist sie Stipendiatin im Integrated Track der Graduiertenschule. Ihr Dissertationsprojekt wird von Prof. Dr. Sabine von Heusinger, Prof. Dr. Karl Ubl und Prof. Dr. Susanne Wittekind betreut.

 

Kontakt

cersovse(at)uni-koeln.de

Profil auf der Website des Historischen Instituts, Universität zu Köln

 

Publikationen

Tagungsbericht: L'alsace et le rhin supérieur au Moyen Âge / Elsass und Oberrhein im Mittelalter, 03.06.2016–04.06.2016 Mulhouse. In: H-Soz-Kult, 07.12.2016.

 

Vorträge

„Gesundheitsfürsorge und Geschlecht im spätmittelalterlichen Straßburg, ca. 1350-1550. Werkstattbericht aus einem laufenden Forschungsprojekt“
03.11.2017: Seminar „Dis/ability History: Forschungsschwerpunkte vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte“, Universität Bremen

“Traditions in Transition. Caring for the Sick Poor in Reformation Strasbourg”
20.09.2017: AHRC DTP Conference on Transition and Transformation, University of Cambridge

“Beguines – Confraternities – Hospitals. Assessing Women's Role in Caring for the Sick and Needy in Later Medieval Strasbourg”
05.05.2017: Workshop on Medieval Germany, German Historical Institute, London

„Männer und Frauen in Straßburger Gesundheits- und Fürsorgestrukturen vom 14. bis 16. Jahrhundert – Projektidee und Werkstattbericht“
25.04.2017: Kolloquium „Neue Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte”, Universität zu Köln

“Who Cares? Gender and Health Care in Late Medieval Strasbourg”
29.09.2016: Cologne-Toronto Graduate Student Colloquium, University of Toronto

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2017/18

Einführungsseminar: Medizin und Gesellschaft: Von Ärzten, Heilkundigen und Patienten im späten Mittelalter

Sommersemester 2016

Einführungsseminar: Kunde aus der Stadt – Chronikalische Nachrichten als Wissensspeicher, gemeinsam mit Dr. Julia Bruch

 

Titelbild: Das Große Spital von Straßburg, Ausschnitt aus dem Plan Morant, Kopie des Originals von 1548, angefertigt von A. Cammissar 1900, Archives de la ville et de l‘Eurométropole de Strasbourg 1 PL 1 // Portraitfoto: Patric Fouad