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Von Kaiserwetter und Götterdämmerung

Die Abschlussfahrt des a.r.t.e.s. Integrated Track 2015 nach Wien

von Michelle Herte

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Bereits zum zweiten Mal nach 2014 lockte es zu Pfingsten 2017 einen Jahrgang des Integrated Track zur Abschlussfahrt nach Wien. Beim frühmorgendlichen Treffen am Flughafen war allerdings noch nicht viel zu spüren von Wiener Lebenslust. Das sprichwörtliche Kaiserwetter am Zielort, das uns beinahe den gesamten Aufenthalt über treu bleiben sollte, gab sich allerdings redlich Mühe, die allgemeine Müdigkeit zu vertreiben. Diejenigen, denen dies nicht genügte, konnten sich vor dem ersten gemeinsamen Mittagessen immerhin eine kleine Ruhepause im Hotel Graf Stadion gönnen, das mit seinem mit eleganter Sitzbank ausgestatteten Lift und (leider inaktivem) Klingelsystem für Dienstpersonal bereits Spuren des Flairs der Jahrhundertwende anklingen ließ, die unsere Reise auf vielfältige Weise begleiteten.

Das Programm, von dem unser Abschlusskolloquium buchstäblich eingerahmt war, hatte unser Organisationsteam Lisa Hecht und Christoph Müller-Oberhäuser ganz im Zeichen ihrer – zu Wien äußerst passenden – fachlichen Schwerpunkte gestaltet, um uns in die Welt der Musik, Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts zu entführen. Den Anfang machte eine etwas andere Stadtführung, die unter dem Motto „Josefine Mutzenbacher“ diverse Schauplätze der Altstadt für oft belustigende, manchmal auch erschreckende, anekdotische Ausflüge in die Sittengeschichte der Stadt nutzte. Im Anschluss lud die Wiener Staatsoper einen Teil der Gruppe zu Wagners Götterdämmerung, die sich glücklicherweise nicht als symbolträchtig für unsere Abschlussfahrt erwies, obgleich das für Dienstagabend angekündigte Unwetter Züge eines nahenden Weltuntergangs vermuten ließ – der sich aber dann doch in heftigen Schauern erübrigte. Umso mehr freuten sich diejenigen, die am Montag weder genug Energie noch Sitzfleisch für die fünfeinhalbstündige Veranstaltung erübrigen mochten, und stattdessen den lauen Frühsommerabend bei etwas banaleren Vergnügen – wie einem kurzen Adrenalinrausch im Prater – im Freien genossen.

Für das Kolloquium selbst öffnete ausgerechnet zu ihrem 200-jährigen Jubiläum zum zweiten Mal die Universität für Musik und darstellende Künste Wien im Herzen der Stadt ihre Pforten für a.r.t.e.s. Zwar konnte außer Direktor Andreas Speer niemand von uns direkt das gute Gefühl nachvollziehen, an einen Ort zurückzukehren, an dem man bereits einmal herzlich willkommen geheißen wurde; die offene und unkomplizierte Art unserer Gastgeber war jedoch für uns alle schnell ersichtlich. Dass sich dieses positive Verhältnis auch akademisch fruchtbar machen lässt, bewiesen gelegentliche Gasthörer sowie unsere Ansprechpartnerin Angelika Silberbauer, die kurzfristig für unsere aus gesundheitlichen Gründen verhinderte Kommilitonin Kirsten Seidlitz mit einem Vortrag ihres eigenen Promotionsprojektes zur diskursiven Verortung der Komponistin Ethel Smyth einsprang. Dabei, sowie bei unseren eigenen Vorträgen, erlebten wir stets lebhafte und anregende Diskussionen, die in a.r.t.e.s.-üblicher Manier fachliche Grenzen und Unterschiede ebenso offenbarten wie überbrückten.
Ein vergleichbares Verhältnis von Ähnlichkeit und Differenz konnten wir bei den gemeinsamen Abendessen feststellen. Denn die relative geographische wie auch sprachliche Nähe Wiens zu Deutschland kann über gewisse Eigenheiten sowohl der guten österreichischen Küche – neben dem eher vertrauten Wiener Schnitzel kam so auch einmal ganz selbstverständlich das Kalbshirn auf den Tisch – als auch der Bedienung – eine unfreiwillige Bierdusche zählt weniger dazu als die ein oder andere Kommunikationsschwierigkeit – nicht hinwegtäuschen. Die vom Organisations-Team ausgewählte Variation an gutbürgerlichen, modernen und urigen Restaurants hielt jedenfalls täglich eine neue Erfahrung für die Gruppe bereit und bot außerdem Gelegenheit, diverse Themen aus den Vortragsdiskussionen des Tages noch einmal in geselliger Runde zu vertiefen.

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Ein beliebtes Gesprächsthema und unbestreitbares Highlight des Kolloquiums selbst war der Vortrag von Christoph Müller-Oberhäuser, der wie schon bei seinem Einführungsvortrag 2015 eine Gesangseinlage zum Besten gab – dieses Mal allerdings mit tatkräftiger Unterstützung von Thomas Blanck, Sung Un Gang, Manuel Lorenz und Johannes Wirtz, die sich spontan während der Reise bereit erklärt hatten, einen der für Christophs Arbeit relevanten Stundenchöre einzustudieren. Die Darbietung, deren Plan sich bereits zuvor schnell herumgesprochen – und auch für die ein oder andere (gespielte?) Enttäuschung der im traditionellen Männerchor nicht zugelassenen Gesangsfreundinnen gesorgt – hatte, erfrischte unsere am Ende des langen zweiten Kolloquiumstages erschöpften Geister.

Nachdem uns Andreas Speer mit seinem das Kolloquium abschließenden Promotionscoaching zunächst wieder in den Promotionsalltag zurück geholt hatte, konnten wir am letzten Tag unserer Reise nochmals in gelöster Stimmung das kulturelle Angebot Wiens genießen. Darunter war nicht zuletzt eine durchaus einmalige Führung von Lisa Hecht selbst zu einigen ausgewählten Kunstwerken des Oberen Belvedere. Angeregt von dieser Erweiterung unseres kunsthistorischen Bildungshorizonts nutzten die meisten die seltene Gelegenheit, sich bei der Sonderausstellung zu Lawrence Alma-Tadema im Unteren Belvedere weiter in die Kunst des 19. Jahrhunderts zu vertiefen – oder ganz nach dem Motto der sie umgebenden Gemälde ihre müden Glieder auf den einladenden Liegesäcken im Dekadenzsaal auszuruhen.

Zum Schluss verschlug es die Gruppe nochmals in die Welt der Musik. Es mutet schon beinahe schicksalhaft an, dass auch hier das 19. Jahrhundert mit der – von unseren musikwissenschaftlichen Kommilitoninnen und Kommilitonen verbrieft – meisterhaften Brahms-Darbietung der Wiener Philharmoniker deutlich besser überzeugen konnte als das vorangestellte moderne Stück. So oder so war der Abend im eindrucksvollen Saal des Wiener Konzerthauses ein würdiger Abschluss unserer Reise, die wir danach bei einem erneuten Besuch des Innenhofs der „Frommen Helene“ ausklingen ließen – eben dem Restaurant, wo wir am Montagmittag auf den Beginn unserer Abschlussfahrt angestoßen hatten.