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„Heidegger und die Postmoderne“

Sidonie Kellerer ist Freigeist-Fellow bei a.r.t.e.s.

von Thea Fiegenbaum

Die Philosophin Dr. Sidonie Kellerer hat eines der begehrten Freigeist-Fellowships der VolkswagenStiftung eingeworben. Seit Mai 2017 ist sie mit ihrem Forschungsprojekt „Heidegger und die Postmoderne“ an der a.r.t.e.s. Graduate School und am Philosophischen Seminar der Universität zu Köln angesiedelt. Die VolkswagenStiftung stellt Sidonie zur Finanzierung ihres Projekts in den kommenden fünf Jahren 680.000 Euro zur Verfügung.

 

a.r.t.e.s. Graduate School: Liebe Sidonie, herzlichen Glückwunsch zum Fellowship! Wie hast du es geschafft, die Fördermittel einzuwerben?

Sidonie Kellerer: Ich wollte mein Forschungsprojekt möglichst unabhängig, gleichzeitig aber auch im Team durchführen. Das Emmy Nother-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft und das Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung boten dafür ideale Bedingungen. Letztlich bewarb ich mich um die Finanzierung über die VolkswagenStiftung, die beispielsweise modern genug ist, auch die Betreuungskosten für Kinder im Auge zu haben, und die hinreichend flexible Förderinstrumente anbietet, um der nie ganz vermeidbaren Unberechenbarkeit wissenschaftlicher Forschung zu begegnen. Die Entscheidung war allerdings nicht ganz leicht, da mir sehr wohl bewusst war, dass die Anforderungen für ein Freigeist-Fellowship nicht eben gering sind.

Der Bewerbungsprozess war tatsächlich anspruchsvoll, aber gerade dadurch auch besonders spannend. Es gab zwei Auswahlrunden: zunächst eine umfangreiche schriftliche Bewerbung und danach eine persönliche Vorstellung des Projektes für alle Kandidaten auf Englisch vor einem interdisziplinären Gremium von Gutachterinnen und Gutachtern in Hannover. Letztendlich wurden mit mir insgesamt acht Fellows ausgewählt.

 

Wovon handelt dein Forschungsvorhaben und was sind seine Ziele?

In dem Projekt geht es zum einen darum Heideggers Vorlesungen zu Nietzsche, die er zwischen 1936 und 1941 hielt, philologisch und philosophisch aufzuarbeiten. Meine These ist, dass Heidegger diese Vorlesungen, die er unter der nationalsozialistischen Herrschaft hielt, nach 1945 in weiten Teilen stillschweigend umgeschrieben hat und es ihm sogar gelang, die ursprüngliche Botschaft in ihr Gegenteil zu verkehren. So konnte er nach dem Krieg behaupten, er habe den NS zwischen den Zeilen kritisiert. Im Archiv möchte ich herausfinden, was er in Bezug auf Nietzsche ursprünglich wirklich gelehrt und propagiert hat.

Zum anderen werden wir untersuchen, welche Konsequenzen die Textretuschen für die französische Rezeption Heideggers gehabt haben. Das ist besonders wichtig, als Heidegger in Frankreich seinen wohl größten Nachkriegserfolg gefeiert hat. Dabei steht Derridas Heidegger-Lektüre im Fokus unserer Forschung. Meine Doktorandin und ich nehmen uns dieser doppelten Aufgabe (Heidegger und Heidegger/Derrida) gemeinsam an. Ziel ist es letztlich, zu bestimmen, in welchem Maße die Denker der sogenannten Postmoderne einer geschichtsphilosophischen und zugleich philosophiegeschichtlichen Irreführung aufgesessen sind.

 

Welche Verbindung hattest du vor dem Fellowship zu der Universität zu Köln und zu a.r.t.e.s. und welches Potential siehst du in der Zusammenarbeit, beispielsweise mit dem a.r.t.e.s. Research Lab oder dem Philosophischen Seminar?

Gemeinsam mit Stefan Niklas und Emanuele Caminada – beide ehemalig Mitarbeiter im a.r.t.e.s. Research Lab – hatte ich 2015 in Kooperation mit a.r.t.e.s. den Workshop „Herrschaft durch Esoterik in der intellektuellen Kultur der Weimarer Republik“ organisiert. Die Vorbereitung hat sehr viel Spaß gemacht und die Veranstaltung war ein Erfolg, so dass ich große Lust hatte, auch in den kommenden Jahren mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus der Kölner Philosophie und aus anderen Fächern zusammenzuarbeiten. a.r.t.e.s. und das Research Lab insbesondere eignen sich dafür wunderbar.

 

Was sind deine Forschungsziele nach dem aktuellen Projekt?

Im Anschluss an meine Auseinandersetzung mit diesem Denken, das sozial-politische Beherrschungsphantasien metaphysisch überhöht, werde ich in einigen Jahren positiveren politisch-gesellschaftlichen Fragen nachgehen. Offensichtlich besteht eine, wenn nicht die größte gegenwärtige Herausforderung darin, Gesellschaftsformen umzusetzen, innerhalb derer es gelingen kann, die heute weiter in gefährlichem Maße zunehmenden sozialen Disparitäten zu überwinden. Wird es möglich sein, soziale Strukturen zu schaffen, die es nicht nur ermöglichen, Grundbedürfnisse der Menschheit zu garantieren, sondern all die bislang erworbenen Fertigkeiten, all das zur Verfügung stehende technische Wissen in den Dienst eines guten Lebens für alle Menschen zu setzen?

 

Wir danken Sidonie Kellerer für das Gespräch!