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„Vergessen ist einfacher als Erinnern!“

Workshop beleuchtet das schwierige Unterfangen, musikalisches Wissen zu speichern

von Julia Maxelon

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Wie und wo wird musikalisches Wissen gespeichert? Wie kann es aktualisiert, wie abgerufen werden? Und gibt es einen methodischen Unterschied, je nachdem, ob man aus der Praxis oder aus der Wissenschaft auf dieses Wissen zugreift? Die Betrachtung dieser Fragen war Ziel des Workshops „Speicher musikalischen Wissens. Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis“, der am 8./9. Mai 2017 bei a.r.t.e.s. stattgefunden hat. Organisiert von Marie Louise Herzfeld-Schild und Evelyn Buyken (beide Universität zu Köln) waren Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis eingeladen, die Sicht ihrer jeweiligen Disziplinen und Tätigkeitsfelder dazulegen. Ausgehend von den Theorien Jan und Aleida Assmanns, nach denen Wissen und Erinnerung funktional bestimmt und gesellschaftlich bedingt sind, wurde Musik zu Beginn des Workshops als Kunstform definiert, die in einer Vielzahl von habituellen, sozialen und kulturellen Rahmen und Diskursen steht und sich daher besonders stark in spezifischen Praktiken manifestiert. Zusammen mit dem Konzept dreier Dimensionen von Gedächtnis nach Astrid Erll – 1. die materielle Dimension, 2. die soziale Dimension und 3. die mentale Dimension – begleiteten diese Definition und das Wissen um ihre Diskurse die Vorträge des Workshops während der gesamten zwei Tage. Das aus Sicht der Praxis ‚künstliche Auseinanderziehen‘ der Speicherformen des Wissens wurde vor allem deswegen als notwendig erachtet, um die verschiedenen Aspekte erkennbar und benennbar zu machen.

Der erste Tag des Workshops startete mit einer Keynote von Melanie Unseld (mdw Wien), in der Grundfragen an das Speichern musikalischen Wissens dargelegt wurden. Ausgehen von dem Ölbild „Der Philosoph“ von Giuseppe Antonio Petrini (um 1750) fragte Unseld, wie sich kanonisches Wissen zu flüchtigem Wissen verhält, welche Spezifika musikalischem Wissen zu eigen sind und warum es überhaupt so schwierig ist, Wissen zu speichern und abrufbar zu machen. Diese Leitfragen sollten sich als Wegweiser für den gesamten Workshop erweisen. Melanie Unseld beschrieb die Materialität von Wissen als eine wesentliche Konstante in der Frage danach, wie Wissen überhaupt überzeitlich verständlich sein kann: Es erfordere eine materielle Transformation, z. B. in Schriftstücke, in Instrumente oder auch in Räume der Musikaufführung.

Im ersten Panel „Wissensspeicher ‚Raum‘“ betrachteten Gesa zur Nieden (Universität zu Köln) und Uwe Walter (Tonmeister, Köln) Räume musikalischen Wissens, die als praktische, architektonische oder transformierte Räume begriffen wurden. Beide Vortragenden betonten die Rolle einer Partitur als ‚Diskussionsgrundlage‘, anhand derer ‚Diskussionsbeiträge‘ erstellt werden können. Solch ein Beitrag kann eine Inszenierung in einem Theaterraum, aber auch eine Aufnahme auf CD sein. Beiden ‚Räumen‘ ist zu eigen, dass sie musikalisches Wissen produzieren, dabei jedoch keinen Anspruch auf ‚Wahrheit‘ haben, sondern vielmehr eine Momentaufnahme bzw. einen bestimmten Zugriff auf eine Partitur dokumentieren und anbieten.

Das zweite Panel „Wissensspeicher ‚Konzertpraxis‘“ nahm die Akteurinnen und Akteure der Konzertpraxis in den Blick. Christiane Tewinkel (UdK Berlin) stellte dabei anhand ihrer Forschung zu Programmheften vor, dass die ehemals als essentiell angesehene Kontextualisierung von Musik aktuell nicht mehr im Vordergrund eines Konzertbesuchs stehe. Dass die Stellung des kanonisierten Wissens in der Konzertpraxis zurückgehe, konstatierte auch Thomas Jung (Dirigent, Köln). Dirigentinnen und Dirigenten würden sich daher verstärkt in einer vermittelnden Rolle wiederfinden und müssten die musikalischen Ideen durch verbale und nonverbale Kommunikation weitergeben: „The power of a conductor is to make the musicians powerful.“

Der Frage der Darstellbarkeit musikalischen Wissens widmete sich das dritte Panel „Wissensspeicher ‚Klang und Notation‘“. Martin Brenne (Komponist, Köln) stellte besonders die Unabgeschlossenheit und Brüchigkeit im Notationsprozess heraus: Letztendlich befinde sich die Musik in einem beständigen Aktualisierungs- und Vermittlungsprozess zwischen musikalischem Wissen, kompositorischen Ideen und Interpretation. Anna Langenbruch (Universität Oldenburg) verhandelte die Geschichte des Musiktheaters als gesungene Geschichte des musikhistorischen Wissens: Der Raum als Speichermedium funktioniere dabei nicht wie eine exakte Kopie, sondern vielmehr wie ein Container, der unterschiedlich gefüllt werden könne.

Einen Blick in die gemeinsame Geschichte von Musik und Medizin tat das vierte Panel „Wissensspeicher ‚Medizin‘“. James Kennaway (Universität Groningen) stellte anhand von Analogieschlüssen zwischen Saiten und Nerven dar, welch vielfältigen Zusammenhänge zwischen der Musik und dem Körper seit dem Mittelalter angenommen wurden. Mit Blick auf die neuere medizinische Forschung zu musikwissenschaftlichen Fragestellungen plädierte er darüber hinaus für eine ‚Critical Neuroscience of Music‘, die mehr leistet, als Auswirkungen von Musik auf den Menschen zu messen. Marie Louise Herzfeld-Schild (Universität zu Köln) fokussierte ihren nachfolgenden Vortrag auf das Konzept der ‚Nervenstimmung‘ im 18. Jahrhundert, das von der Temperierung der Instrumente ausging und in dem medizinisches, musiktheoretisches und ästhetisches Wissen gleichermaßen aufgerufen, verhandelt, aktualisiert und weitergetragen wurde.

Den zweiten Tag des Workshops eröffnete eine Keynote von Christine Siegert (Beethovenhaus Bonn). Einerseits wurde dabei das Museum des Beethovenhauses als Speicher musikalischen Wissens betrachtet, indem verschiedene Konzepte des Ausstellens in eine historische Perspektive gestellt wurden. Andererseits wurde die Partitur als musikalischer Wissensspeicher einer vertiefenden Betrachtung unterzogen: Anhand unterschiedlicher Beispiele aus dem Archiv des Beethovenhauses zeigte Christine Siegert, in welchen Stadien der Entstehung einer Partitur (Skizzenblatt, Arbeitsmanuskript, Reinschrift, Druckplatte, Kunsteinband) welche Momente musikalischen Wissens gespeichert und freigesetzt werden können.

Das der Keynote folgende Panel „Wissensspeicher ‚Körper‘“ blickte dann auf die wortwörtliche ‚Verkörperung‘ von Wissen durch Musikerinnen und Musiker. Sarah Hubrich (FH Bielefeld) beschrieb den menschlichen Körper als quasi lebendiges kulturelles Gedächtnis, das Erfahrungen sensorisch-motorisch verarbeite und im Anschluss als Wissen abspeichere. Dieses Konzept von ‚Doing Culture‘ habe in aktuellen Konzertformaten allerdings noch keinen Eingang gefunden. Richard Gwilt (HfMT Köln) schöpfte in seinem Vortrag aus seiner Erfahrung als Künstler und Dozent für Barockvioline, indem er Darstellungen und Beschreibungen zur Geigenhaltung zwischen 1600 und 1800 einer praktischen Revision unterzog.

Das zweite Panel „Wissensspeicher ‚Instrument‘“ führte den Blick in der Folge noch enger auf die Werkzeuge von Musikerinnen und Musikern. Leon Chisholm (Deutsches Museum München) stellte anhand von Intabulierungen mehrstimmiger Chormusik dar, welche Ergebnisse diese eigentlich rein mechanische Transformation auf die Vielschichtigkeit von Kompositionen und auf kompositorisches Wissen hatte. Und auch Johannes Loescher (Geigenbauer, Köln) betrachtete in seinem Vortrag Instrumente als Schlüssel zu bzw. Relikte von musikalischem Wissen, wie er an Modellen und Schablonen von Instrumenten Antonio Stradivaris verdeutlichte.

In der abschließenden Diskussion wurden die drei Gedächtnis-Dimensionen Astrid Erlls, die zu Beginn des Workshops als Leitkonzept vorgeschlagen worden waren, noch einmal rekapituliert. Hatten sich die drei Dimensionen eingangs noch als nebeneinander liegende Bereiche dargestellt, die sich nur teilweise leicht überschnitten, so wurde als Ergebnis des Workshops ein deutlich engeres Modell vorgeschlagen, das große Schnittmenge der Dimensionen erlaubt und für wahrscheinlich erachtet. Die Multi-Dimensionalität der Speicher musikalischen Wissens korreliert dabei mit der Multi-Dimensionalität von Musik an sich: Medien und Artefakte, Institutionen und Praktiken, Erinnertes und Erlerntes gehen immer Hand in Hand.