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Fiat Lux!

Annäherungen an die Transformationsprozesse des Medialen am Berkeley Center for New Media

Kurzbericht zum Forschungsaufenthalt an der University of California Berkeley und der Balch Art Research Library Los Angeles (02.08.–04.11.2016) von a.r.t.e.s.-Doktorandin Léa Perraudin

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rAndom International: Rain Room, 2012, Installationsansicht, LACMA (Bild: Léa Perraudin)

Es ist das Licht, das die Bay Area zwischen nebelverhangenen Vormittagen und sonnengetränkten Nachmittagen erreicht, das mich in den Monaten von August bis Oktober 2016 stets begleiten sollte. Ein Licht, das dem Tag eine andere Kontur gibt und das Bekanntes in einen neuen Fokus rückt. Spürte ich in den ersten Tagen auf dem Campus noch eine bedächtige Stille in der Library sowie den Außenanlagen, läuteten die Mitte August wieder eintreffenden Menschenströme den Beginn des fall semester ein. Die mit ihnen zurückgekehrte arbeitsame Stimmung prägte auch meine folgenden Wochen als Visiting Scholar am Berkeley Center for New Media (BCNM). Pendelnd zwischen dem Graduate Reading Room in der Doe Library und meinem Cubicle im Shared Space des BCNM setzte ich mich vertieft mit zwei Aspekten meines Forschungsprojekts auseinander. Mein Dissertationsvorhaben fragt nach der Belastbarkeit von etablierten Termini zur Konturierung des Medialen und konfrontiert diese mit der spezifisch technischen Bedingtheit mediatisierter Umwelten. Vor dem Hintergrund einer techno-ökologischen Matrix versteht sich das Projekt damit als medienkulturwissenschaftliche Perspektivierung der Schnittstelle von Natur und Technik und analysiert Strategien der Teilhabe, Überschreitung und Transformation dieses Konnex. Als global anerkanntes Zentrum für Grundlagenforschung im Feld der neuen Medien und Stätte für experimentelle Auseinandersetzungen mit der Transformationskraft des Medialen stellte sich das BCNM als idealer Knotenpunkt für medientheoretische Fragestellungen meines Erkenntnisinteresses dar. Da am BCNM ein interdisziplinärer Umgang mit den wissenschaftlichen, ästhetischen und praktischen Implikationen neuster Technologie gepflegt wird, besteht zugleich ein reger Austausch über explizit künstlerische und designbezogene Anknüpfungspunkte innerhalb dieses Themenkomplexes.

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Beim Virtual Reality-Test am BCNM (Bild: Lara Wolfe, BCNM)

Experimentelle Praktiken in Kunst und Design, die neue Technologien einsetzen, apropriieren und transformieren, re-evaluieren damit auch immer den Begriff des Medialen. Vor dem Hintergrund dieser geteilten Grundannahme konnte ich mich so insbesondere mit Prof. Greg Niemeyer (Professor am Department of Art Practice und ehemaliger Direktor des BCNM) vertieft mit der ästhetischen Dimension neuer Technologien austauschen. Die thematischen Schwerpunkte Niemeyers – mediation between humans and technology und playful responses to technology –, die sich insbesondere in seinen environmentalen Medienkunstinstallationen zeigen, haben in unseren gemeinsamen Arbeitstreffen und Gesprächen zu einer Re-Lektüre diverser theoretischer Positionen geführt. In Medienreflexionen über Virtual Reality, GIF animations und Social Media begegneten wir einigen dieser theoretischen Implikationen am BCNM im Praxisbezug. Ausgestattet mit einer VR-Brille konnte ich so die Navigation in einem Prototypen für ein Medienkunstprojekt Niemeyers erproben. Ein Tagesausflug in das an Stanford angrenzende Silicon Valley mit einem Besuch des Google Campus und des Computer History Museum bot mir weitere Impressionen der hochtechnisierten Bay Area. Das Computer History Museum gibt einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Computers, die vom Abacus über den Babbage Difference Engine #2, das IBM 1401 Mainframe System, den Macintosh bis hin zum autonom fahrenden Google Car reicht. Im Durchschritt der Epochen erschlossen sich neue Bezüge auf die Transformationen des Technischen entlang eines ökologischen Begriffshorizonts.

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Google Campus, Android Bugdroid mit a.r.t.e.s.-Merch (Bild: Léa Perraudin)

Den Abschluss meiner Zeit in Berkeley, bevor ich nach Los Angeles zur zweiten Station meines Aufenthalts in Kalifornien aufbrach, markierte schließlich das Symposium Technology, Space, Reason: Infrastructures of Knowledge in the Anthropocene, das im Rahmen der History and Theory of New Media Lecture Series des BCNM und in Kollaboration mit dem Doreen B. Townsend Center for the Humanities (DBTCH) stattfand. Das DBTCH hat sich in den Monaten zuvor mit dem Jahresthema The Fate of Nature in the Anthropocene. The Humanities and the Environmental Turn beschäftigt und damit das Diskursgefüge des Anthropozän, einen Schwerpunkt meines Forschungsprojekts, prominent diskutiert. Im Rahmen des Symposiums hatte ich die Gelegenheit, Prof. Bernard Stiegler (Institut de Recherche et Innovation at the Centre Georges Pompidou, Paris) zu hören, der mit seinem innovativen Konzept der Re-Lektüre des Anthropozän als „Entropozän“ und der Entropie als „Anthropie“ menschliche Einflussfaktoren der Erscheinung des Planeten radikal neu perspektivierte. Dementsprechend konnte ich mit viel Denkstoff im Gepäck gen Süden aufbrechen.

Angekommen in Los Angeles konnte ich beim Besuch des Los Angeles County Museum of Art (LACMA) ein Analysebeispiel meines Dissertationsprojekts, den Rain Room (2012) des Künstlerkollektivs rAndom International am eigenen Leib erfahren: In der Installation lässt sich ein Raum, in dem es beständig regnet, durchschreiten ohne dabei nass zu werden. Sensoren und 3D-Kameras reagieren auf die Präsenz und die Bewegung von Körpern im Raum und lassen nur dort Wasser durch Düsen an der Decke des Raumes dringen, wo sich der Körper gerade nicht befindet. Die dabei entstandene aktive Umwelt erzeugt ein bewegliches Gefüge, das sich entlang von Codes ihres Ortes versichert. Erfüllt von diesem eindringlichen Ereignis habe ich mich schließlich an der an das LACMA angrenzenden Balch Research Library mit den archivierten Dokumenten vertraut gemacht, die zum Art and Technology Program (1968–1971) vorliegen. Das Programm hat künstlerische Auseinandersetzungen mit neusten Technologien gefördert, in dessen Rahmen sind Arbeiten von u. a. Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Richard Serra entstanden. Das Balch Archiv bietet mit der vollständigen Dokumentation des Programms eine umfassende Materialbasis zur geschichtlichen Kontextualisierung der Schnittstelle von Kunst und Technologie und hat mir Aufschluss über die Historizität der Aushandlung medialer Verfahren und Begriffsbildung in künstlerischen Praktiken gegeben.

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Vor der Campanile auf dem Campus in Berkeley (Bild: Léa Perraudin)

Mein theoretisch angelegtes Dissertationsvorhaben hat insgesamt von der einzigartigen Infrastruktur und dem technikaffinen Umfeld Berkeleys sowie der praktisch-ästhetischen Ausrichtung des BCNM profitiert. Die zahlreichen Impulse mündeten sowohl in konkreten Weiterentwicklungen innerhalb meiner Arbeit als auch weiterführenden Überlegungen zum übergeordneten Themenhorizont meines Forschungsprojekts. So haben sich meine Forschungsfragen in diesen drei Monaten – dem kalifornischen Licht ausgesetzt – erhellt. Fiat Lux!

Die Reise wurde durch DAAD-Fördermittel im Rahmen von "a.r.t.e.s. international – for all" unterstützt.

"a.r.t.e.s. international – for all" wird gefördert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).