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Dissertationsprojekt von Wiebke Rademacher

Jenseits der Konzertsäle. Diversität nicht-bürgerlicher Aufführungskontexte klassischer Musik, Berlin 1871–1914 (Arbeitstitel)

Das 19. Jahrhundert gilt als eine Epoche, in der klassische Musik zunehmend mit bildungsbürgerlichen Idealen verknüpft wurde – ein Prozess, der die Rezeptionspraktiken und -kontexte  klassischer Musik ebenso geprägt hat wie die Arten und Weisen, in denen über sie gedacht und geschrieben wurde. Die historischen und soziologischen Gründe für diese – eigentlich aus der Sache heraus nicht notwendige – Verknüpfung waren in den vergangenen Jahren immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Autor/innen bisher fast ausschließlich der Rezeption klassischer Musik in den Mittel- und Oberschichten widmeten. Dabei legen zahlreiche zeitgenössische Quellen nahe, dass die Rolle klassischer Musik für Nicht-Bürger/innen bei weitem nicht so marginal war, wie es die wissenschaftliche Literatur zunächst vermuten lässt. Hier setzt dieses Dissertationsprojekt an. Am Beispiel von Berlin (1890–1914) fragt es sowohl auf einer diskursanalytischen, als auch auf einer alltagsgeschichtlichen Ebene nach den Aufführungskontexten, den Motivationen und Praktiken der Rezeption klassischer Musik von Nicht-Bürger/innen. Volkskonzerte in Berliner Brauereien, die sich an ein Arbeiterpublikum richteten, werden dabei ebenso beleuchtet wie Konzerte in Amüsierlokalen, Komponistenabende im Kontext der Arbeiterbildung, schichtenübergreifende Open Air Veranstaltungen, Opernaufführungen in kleinen Vorstadttheatern oder Stiftungsfeste von Arbeiterchören. Dabei soll auch die Frage erörtert werden, inwiefern die kulturellen Rituale und Hörhaltungen der Nicht-Bürger/innen diejenigen der Bürger/innen durchkreuzten, oder umgekehrt, ihnen ähnelten. Damit leistet diese Arbeit eine notwendige Ergänzung zu den oben erwähnten Studien zum Konzertleben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

 

Kurzbiographie

Wiebke Rademacher hat Musikwissenschaft, Geschichte, klassische Gitarre, Musikvermittlung und Musikmanagement an der Universität zu Köln, dem Conservatorium Maastricht, der Hochschule für Musik Detmold und der Universität Basel studiert. Neben ihrem wissenschaftlichen Interesse an Aufführungskontexten, versucht sie – vor allem im Zuge ihrer Tätigkeit für PODIUM Esslingen – auch praktisch, klassische Konzerte von den oftmals angestaubten Konventionen zu befreien. Ihre Masterarbeit, die den Zusammenhang von Körperlichkeit und Musikrezeption aus interdisziplinärer Perspektive beleuchtete, wurde mit einem Förderstipendium der Rektorenkonferenz deutscher Musikhochschulen ausgezeichnet. Im akademischen Jahr 2016/17 war sie im Rahmen einer Elternzeitvertretung als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln tätig. Ihre aktuellen Forschungen präsentiert sie regelmäßig auf Konferenzen im In- und Ausland. Sie war während ihres grundständigen Studiums Stipendiatin beim Ev. Studienwerk Villigst. Ihr Dissertationsprojekt wurde von a.r.t.e.s. zunächst mit einem Stipendium zur Promotionsvorbereitung, im Anschluss mit einem Fast Track-Promotionsstipendium gefördert. Seit März 2017 ist Wiebke Rademacher Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und Kollegiatin im Integrated Track von a.r.t.e.s.

Kontakt: wiebke.rademacher(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

German Song and the Working Classes in Berlin, 1890–1914, in: Laura Tunbridge / Natasha Loges (Hg.): German Song Onstage, 1848–1918, Indianapolis: Indiana University Press (Druck in Vorbereitung).

Listening to Beethoven in Fin de Siècle Berlin. Imagined emotions of concert audiences, in: Marie Louise Herzfeld-Schild / Erin Sullivan: Cultural History, Special Issue: Emotion and the Arts: An Interdisciplinary History, Edinburgh: Edinburgh University Press (Druck in Vorbereitung).

Musik wie sie will? Überlegungen zur Körperlichkeit erwachsener Rezipient/innen im Konzert, Onlinepublikation der Masterarbeit.

Koautorin: Aus der Neuen Welt. Hörgeschichte mit klassischer Musik für Kinder, Sprecher: Thomas Quasthoff, Orchestra: RSO Stuttgart, Helbling Verlag, ISBN: 978-3-86227-209-9.

 

Vorträge

„The Emotion of Concert Audiences“, 26.–29. Juni 2017, Konferenz „Senses, Emotions and the Affective Turn – Recent Perspectives and New Challenges in Cultural History. International Society for Cultural History Annual Conference 2017”, University of Umeå.

„Beyond Concert Halls. Performance and Reception of Classical Music in Non-Bourgeois Contexts 1860–1914“, 19.–23. März 2017, Konferenz „International Musicological Society, 20th Quinquennial Congress“, Tokyo.

„Beyond Concert Halls. Performance and Reception of Classical Music in Non-Bourgeois Contexts, London and Berlin, 1860–1914“, 11.–13. Juli 2016, Konferenz „19th Biennial International Conference on Nineteenth-Century Music“, University of Oxford.

 

Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2018

Seminar: „Orchester und Musiktheater Heute: Oper und Konzert in der Praxis“, mit Nils Szczepanski, Musikwissenschaftliches Institut, Universität zu Köln.

Wintersemester 2017/18

Seminar: „Stillsitzen und Zuhören?! Historische und zeitgenössische Perspektiven auf das (bürgerliche) Konzert“, Musikwissenschaftliches Institut, Universität zu Köln.

Seminar: „Geschichte, Theorie und Praxis musikalischer Wettbewerbe in Kooperation mit der International Telekom Beethoven Competition Bonn“, mit Prof. Dr. Frank Hentschel, Musikwissenschaftliches Institut, Universität zu Köln.

Sommersemester 2017

Seminar: „Orchester und Musiktheater Heute: Oper und Konzert in der Praxis“, mit Nils Szczepanski, Musikwissenschaftliches Institut, Universität zu Köln.

Wintersemester 2015/16

Seminar: „Geschichte, Theorie und Praxis musikalischer Wettbewerbe in Kooperation mit der International Telekom Beethoven Competition Bonn“, mit Prof. Dr. Frank Hentschel, Musikwissenschaftliches Institut, Universität zu Köln.

 

Titelbild: Programmflyer zur Märzfeier der Freien Volksbühne in der Brauerei Friedrichshain // Portraitfoto: Patric Fouad