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Dissertationsprojekt von Sung Un Gang

The Opposite of Home. Modernization of Theatre and Allocation of Women in Colonial Korea (1902-1937) (Arbeitstitel)

Das Ziel meines Dissertationsprojekts ist, durch die Theatergeschichte die Modernisierungsprozesse im kolonialen Kontext zu verstehen bzw. in Frage zu stellen. Während der japanischen kolonialen Herrschaft von 1910 bis 1945 erhob das neu entstandene koreanische Theater den Anspruch, sich ästhetisch und technisch dem Westen zu nähren und zugleich eine eigene Identität zu bewahren. Die Ein- und Aufführung des westlichen Theaters galt dabei als Mittel, sich von dem japanischen kolonialen Einfluss zu befreien, um „die wahre Moderne“ darstellen zu können und diese letztendlich zu realisieren.
Im kolonialen Korea gingen jedoch theoretischer Anspruch und die Praxis der Modernisierung oft auseinander, gleich von wem sie konzipiert und in die Tat umgesetzt wurde. Die Diskrepanz zwischen der Bühne als Repräsentation der Moderne und der sozialen Realität unter der japanischen kolonialen Macht war ebenso groß wie der Zwiespalt zwischen dem idealtypischen „neuen Theater“ und der tatsächlich realisierten Produktion. Die „wahre Moderne“ schien daher unerreichbar zu sein – eine durch die Kolonialisierung und die Globalisierung erzeugte Erkenntnis, die bis heute die südkoreanische Gesellschaft prägt.
Eine andere große Herausforderung für die Modernisierung war, dass manche „Modernisierungserfolge“ aus anderen Gründen - wie z. B. der Bewahrung der Identität oder dem Aufbau des nationalen Staates – abgewertet waren. Diese Komplexität in der Modernisierungstaktik im kolonialen Korea möchte ich in der Dissertation anhand des sogenannten „Frauenproblems“ inner- und außerhalb des neuen Theaters analysieren. Die neuen Frauentypen wie Nora aus Henrik Ibsens „Ein Puppenheim“ oder Katjuscha aus der Dramatisierung von Leo Tolstois Roman „Die Auferstehung“ als Symbol der Moderne faszinierten, berührten und empörten das koreanische Publikum. Zugleich mussten die Vorreiterinnen der Frauenbewegung in Korea – die sogenannten „New Women“ – stets mit den männlichen Intellektuellen, der japanischen Kolonialmacht und mit den amerikanischen Missionarinnen ihren Handlungsraum in der Gesellschaft verhandeln. Die Wechselwirkung zwischen den New Women auf dem koreanischen Boden und den neuen Frauentypen auf der Bühne gewann bisher wenig Aufmerksamkeit.
Durch die Analyse der Textquellen (Dramatexte, Theaterkritiken, Berichte und öffentliche Diskussionen über das Frauenproblem), Bilder sowie andere materialen Quellen werde ich versuchen, die Modernisierung in ihrer hypothetischen sowie praktischen Vielfalt aufzuzeigen.

 

Kurzbiographie

Sung Un Gang, geboren 1985 in Seoul, Südkorea. Studium der Germanistik an der Seoul National University (B. A.) und an der Universität Bonn (M. A.), gefördert durch DAAD. Studentische und später Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl von Prof. Dr. Jürgen Brokoff und Apl. Prof. Dr. Norbert Gabriel am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Uni Bonn. Seit Februar 2013 Deutschlandkorrespondent des Nachrichtenmagazin Sisa Journal. Seit April 2015 Stipendiat bei a.r.t.e.s., betreut von Prof. Dr. Peter Marx (Uni Köln) und Prof. Dr. Yun-young Choi (Seoul National University).

Kontakt: sungun.gang(at)gmail.com

 

Vorträge

„From an Imperial Tool to Space of Engendered Modernization. Theatres in Colonial Korea“ (Projektvorstellung), 14.-19. Juni 2016, 4. GRAINES Summer School.

„The Test of Love. Imagination and Representation of Korea on German Stage in 1930”, 12.-22. Februar 2016, Kolloquium und Konferenz „Writing Global Theatre History“, Jawahalal Nehru Universität, New Delhi, Indien.

 

Titelbild: Die Theatergruppe Towolhoe nach der zweiten Aufführung in Seoul (damals Kyoungseong) im September 1923 © Hong, Sa-yong // Portraitfoto: Patric Fouad