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Dissertationsprojekt von Johannes Wirtz

Soziale Gerechtigkeit und individuelle Verantwortung (Arbeitstitel)

Soziale Gerechtigkeit im modernen Sinne ist eine Form der Verteilungsgerechtigkeit. Sie gibt Aufschluss darüber, wie bestimmte soziale Güter – z.B. Einkommen und Vermögen, aber auch Bildungschancen und Privilegien aller Art – in einer Gesellschaft verteilt werden sollten. Von diesem Verständnis ausgehend fragt die Arbeit nach dem Geltungsbereich sozialer Gerechtigkeit: An wen richten sich die Forderungen sozialer Gerechtigkeit? Wen verpflichten sie? Und zu welchen Handlungen verpflichten sie?
In dem Dissertationsprojekt möchte ich die These verteidigen und explizieren, dass wir gemäß dem Ideal sozialer Gerechtigkeit zu Handlungen verpflichtet sind, welche die Unterstützung oder den Aufbau gerechter Institutionen zum Zweck haben – etwa den Aufbau eines gerechten Bildungssystems oder eines gerechten Steuersystems. Die Gegenthese besagt, dass soziale Gerechtigkeit uns zu Handlungen verpflichtet, die außerinstitutionell auf die Herstellung einer gerechten Verteilung der infrage stehenden Güter abzielen – etwa Handlungen individueller Wohltätigkeit.
Diese Fragestellung ist nicht allein von akademischem Interesse, denn die skizzierte Gegenüberstellung findet sich implizit ebenso in der außeruniversitären Diskussion. Die Missachtung der Unterscheidung und ihrer Konsequenzen kann zu fehlerhaften Argumenten und Unklarheiten führen. Eine klare Explikation dessen, wer gemäß der Norm sozialer Gerechtigkeit welche Pflichten haben sollte und haben kann, leistet daher einen wichtigen systematischen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion.
Darüber hinaus möchte ich in einem historischen Abschnitt zeigen, dass durch die Frage nach der Gerechtigkeit von Institutionen oder Institutionensystemen ein neuer Bereich normativer Phänomene erschlossen wurde. In einer Gründegeschichte soll daher dargelegt werden, wie sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Idee der Institutionengerechtigkeit argumentativ gegenüber individualistischen Entwürfen durchsetzt.

 

Kurzbiographie

Johannes Wirtz, geboren 1987, studierte Philosophie und Musik an der Universität zu Köln und an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Sein Erstes Staatsexamen erhielt er im November 2014 mit einer Arbeit über Nozicks prominenten Vorwurf gegenüber der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie, dass diese individuelle Ansprüche missachte. Seit 2011 ist er als SHK und später als Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie bei Prof. Dr. Wilfried Hinsch tätig und leistet dort fachliche und organisatorische Arbeit. Seit Oktober 2014 ist er – zunächst im Rahmen eines Vorbereitungsstipendiums – Stipendiat der a.r.t.e.s. Graduiertenschule. Sein Dissertationsprojekt mit dem Titel „Soziale Gerechtigkeit und individuelle Verantwortung“ wird von Prof. Dr. Wilfried Hinsch betreut.

Kontakt: j.wirtz(at)klezmerjazz.de

 

Vorträge

"Fichtes Theorie sozialer Gerechtigkeit"
30. Juni 2014: Vortrag im Rahmen des Graz-Köln-Wien Kolloquiums in Graz.

 

Titelbild: Vincent van Gogh, Die Kartoffelesser, 1885 (Rijksmuseum Kröller-Müller, lizenzfreie Aufnahme) // Portraitfoto: Patric Fouad