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Dissertationsprojekt von Michelle Herte

Endstrukturen des Computerspiels (Arbeitstitel)

So selbstverständlich das Ende als strukturelles Merkmal einer Erzählung zunächst erscheinen mag, so bedeutsam ist es doch als der letzte Rezeptionsmoment und als traditioneller Schlüssel für die Interpretation des gesamten Werkes. Als Forschungsgegenstand in Literatur- wie Filmwissenschaft wurde das Ende jedoch meist auf die Frage nach Geschlossenheit oder Offenheit reduziert und schien entsprechend zügig abgehandelt. Die Etablierung von Narrativen im Computerspiel hat allerdings zu einer deutlichen Verkomplizierung von Endstrukturen beigetragen. Diese neue Komplexität resultiert zum einen aus technisch bedingten Möglichkeiten des nichtlinearen Erzählens, mit denen etwa multiple Enden einer Narration realisiert werden. Zum anderen treffen im Computerspiel narrative Enden auf ludische Strukturen, die ein Alleinstellungsmerkmal des multimodalen Mediums darstellen, wie etwa das ‚Game Over‘ als Ende des Scheiterns. Die inhärente Endhaftigkeit des Narrativen steht dabei augenscheinlich mit der Endlosigkeit des Spiels als einer von Wiederholung und Zyklizität geprägten Praxis in einem Widerspruch, der sich in einer Pluralität von Enden in Computerspielen zu manifestieren vermag.
Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit den verschiedenen narrativen und ludischen Formen des Endens in digitalen Spielen, um besonders deren Verschaltungen auf Konflikte, Hierarchisierungen und Synergien der beiden Modi zu untersuchen. Auf diese Weise soll die These überprüft werden, dass Computerspiele vor allem aufgrund ihrer Interaktivität und Multimodalität neue, strukturelle Möglichkeiten des Erzählens eröffnen und zugleich neue Herausforderungen an die Narratologie stellen, die maßgeblich von der Wandlung des Endes von einem singulären zu einem pluralischen Phänomen bedingt werden. Die Arbeit verfolgt dabei ein primär medienkomparatistisches Interesse für die Beschaffenheit narrativer Endstrukturen in herkömmlichen Erzählmedien wie Literatur, Film und Fernsehserie gegenüber dem Computerspiel mit seinem traditionell problematischen Verhältnis zur Narrativität. Im Sinne einer transmedialen Narratologie sollen medienübergreifende Charakteristika des Endes identifiziert und in Abgrenzung dazu medienspezifische Erkenntnisse über das Computerspiel gewonnen werden.

 

Kurzbiographie

Nach einer mit Auszeichnung abgeschlossenen Ausbildung zur Fachinformatikerin für Anwendungsentwicklung (2005–2008) studierte Michelle Herte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Anglistik und Amerikanistik. Ihr Studium wurde von 2009 bis 2013 vom NRW-Stipendienprogramm gefördert. Während des Studiums arbeitete Michelle Herte als studentische Hilfskraft in den Abteilungen für Rheinische Sprachwissenschaft und Komparatistik des germanistischen Instituts der Universität Bonn und absolvierte einen Erasmusaufenthalt an der University of St. Andrews (UK). 2014 schloss sie ihr Masterstudium mit der Arbeit „Mordende Maschinen. Die Emanzipation künstlicher Intelligenz in Literatur, Film und Computerspiel“ im Fach Komparatistik ab.
Mit ihrer Dissertation über Endstrukturen von Computerspielen wendet Michelle Herte sich den Game Studies im komparatistischen Kontext einer transmedialen Narratologie zu. Das Projekt unter der Betreuung von Jun.-Prof. Dr. Benjamin Beil wurde bereits 2014 mit dem Promotionsvorbereitungssemester der a.r.t.e.s. Graduate School of the Humanities Cologne gefördert und 2015 in den Integrated Track der Graduiertenschule aufgenommen.

Kontakt: m.herte(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

‚The end... or is it?‘ – Das Verhältnis von Endlichkeit und Endlosigkeit in Computerspielserien, in: Alexander Schlicker (Hg.): Paidia – Zeitschrift für Computerspielforschung, Sonderausgabe Gespielte Serialität, 22. März 2017.

“’Come, Stanley, let’s find the story!’ On the Ludic and the Narrative Mode of Computer Games in The Stanley Parable”, in: IMAGE – Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft 23, Januar 2016, S. 30–42.

Rezension zu: Thomas Hensel, Britta Neitzel, Rolf F. Nohr (Hg.): „The Cake is a Lie!“: Polyperspektivische Betrachtungen des Computerspiels am Beispiel von „Portal“, Münster: LIT 2015, in: MEDIENwissenschaft Rezensionen | Reviews 4, 2015, S. 563–4.

 

Vorträge

“The End… or is it? (Un-)Conventional Video Game Endings”, 18.–19. März 2016, Symposium “Game On: Dramaturgy and Digital Culture”, School of Culture & Creative Arts, University of Glasgow / Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln.

“What Makes an Ending an Ending? On the Narrativity of Video Game Endings from a Transmedial Perspective”, 23.–26. Februar 2016, Winter School “Transmedial Narratology: Theories and Methods”, Graduiertenschule der Eberhard Karls-Universität Tübingen.

“Come, Stanley, let’s find the story! – On the Multimodality of Computer Games in The Stanley Parable”, 28.–30. Januar 2015, Winter School “Mediality and Multimodality across Media”, Graduiertenschule der Eberhard Karls-Universität Tübingen.

„Endstrukturen des Computerspiels als Formen der Wiederholung“, WS 14/15, Ringvorlesung „Wieder|holen“, Universität zu Köln.

„Endstrukturen des Computerspiels aus einer transmedialen Perspektive“, 12. April 2014, Jahrestagung der AG Games, Leuphana Universität Lüneburg.

 

Titelbild: The Stanley Parable (Galactic Café, 2012), © Davey Wreden // Portraitfoto: Patric Fouad