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Dissertationsprojekt von Marco Cavallaro

Was ist es, ein Ich zu sein? Edmund Husserls Phänomenologie des Ich und Selbstbewusstseins, mit Anwendung auf die empirische Forschung (Arbeitstitel)

Ein (fast) unbestrittenes Prinzip der zeitgenössischen Philosophie des Geistes, sowohl analytisch als auch kontinental, lautet, Bewusstsein sei Bewusstsein von etwas. Eine Wahrnehmung ist Wahrnehmung eines Wahrgenommenen, eine Erinnerung eines Erinnerten, eine Phantasie eines Phantasierten, usw. Bewusstsein ist demnach gemäß des Prinzips der sogenannten „intentionalen Beziehung“ gekennzeichnet. Probleme ergeben sich, wenn man ebenso dem Bewusstsein eine Selbst-Beziehung zuteilen mag. Für manche Autoren stellt eine solche Selbst-Beziehung ein weiteres oder sogar fundamentaleres Merkmal des Bewusstseins dar. Nun scheiden sich häufig die Geister, wenn es darum geht, ein solches Selbst-Bewusstsein präzise zu charakterisieren. Ist es nichts anderes als eine Art Intentionalität oder muss man letztendlich zwischen den phänomenologisch ausweisbaren Strukturen der Intentionalität und des Selbstbewusstseins streng unterscheiden? Jene Frage stellt den ersten Problembestand meiner Untersuchung dar. Unmittelbar damit hängt die Fragestellung zusammen, ob Bewusstsein zu einem Ich gehört oder das Ich erst durch eine Konstitutionsleistung des Bewusstseins zustande kommt. Es ist eine in der modernen Philosophiegeschichte viel diskutierte Schwierigkeit, ob ein Ich existiert und welche Eigenschaften man ihm berechtigterweise zusprechen kann. Bei meinem Projekt handelt es sich um den Versuch, eine phänomenologische Theorie des Ich zu bieten, die einerseits den traditionellen Skeptizismus über das Ich zu überwinden vermag und andererseits eine neue und konkurrenzfähige Theorie der „Ichlichkeit“ der Erfahrung in die aktuelle Debatte der Philosophie des Geistes hineinbringt. Mein Ziel ist es, eine Theorie des Ich zu entwickeln, die auf den Überlegungen Edmund Husserls, des Gründers der Phänomenologie, fußt, welche das Ich wesentlich als ein „Substratum von Habitualitäten“ beschreiben. In dieser Hinsicht wird eine phänomenologische Analyse des von den Kritiken noch nicht ausreichend untersuchten Begriffs von Habitus in der Philosophie Husserls unumgänglich. Mein Vorhaben ist es, durch eine solche Analyse die Theorie des Selbstbewusstseins eng mit der Ichproblematik zu verkoppeln, um eine weitgehende und aufschlussreiche Darstellung der im alltäglichen Leben durchgelebten Selbsterfahrung auszuführen.

 

Kurzbiographie

Marco Cavallaro studierte an der Università „La Sapienza“ Roma und Università „Ca‘ Foscari“ Venezia mit Schwerpunkt Philosophie und Geschichte. 2010 bekam er den Bachelorabschluss an der Universität in Venedig mit einer Arbeit über Edmund Husserls Intersubjektivitätstheorie. 2010/2011 studierte er an der Università degli Studi di Trento und 2011/2012 als Erasmusaustauschstudent an der Universität zu Köln, mit Schwerpunkt Philosophie und Soziologie. Im Dezember 2012 hat er eine Magisterarbeit über Husserls Zeichen- und Bedeutungstheorie in der Logischen Untersuchungen an der Universität von Trento verteidigt. Danach hat er 2012/2013 an dem Hoger Instituut voor Wijsbegeerte der Katholieke Universiteit Leuven (Belgien) einen Research Master auf Englisch mit Schwerpunkt Phänomenologie und kontinentale Philosophie abgelegt. Er bekam dort den MPhil-Abschluss mit der Verteidigung einer Arbeit über Husserls Begriff des transzendentalen Habitus. Im Wintersemester 2013 hat er ein Promotionsvorbereitungssemester bei der a.r.te.s. Graduate School for the Humanities Cologne abgeschlossen und seit April 2014 ist er Stipendiat bei derselben Graduiertenschule mit dem dreijährigen Dissertationsprojekt: „Wie ist es ein Ich zu sein? Edmund Husserls Phänomenologie des Ich und Selbstbewusstseins, mit Anwendung auf empirische Forschungen“. Er ist aktuelles Mitglied der Nordic Society for Phenomenology, der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung, der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, der Spanish Society for Phenomenology, der British Society for Phenomenolog, des Husserl Circle, und der Open Commons of Phenomenology. Seit Oktober 2015 ist er als Wissenschaftliche Hilfskraft im Husserl-Archiv an der Universität zu Köln tätig, wo er unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Jagna Brudzinska (Köln/Warschau) zur Fertigstellung der kritischen Herausgabe vom Husserls letzten Werk, „Erfahrung und Urteil“, beiträgt.

Kontakt: cavallaro.marco(at)gmail.com

 

Publikationen

Wissenschaftliche Aufsätze

The Phenomenon of Ego-splitting in Husserl's Phenomenology of Pure Phantasy, in: Journal of the British Society for Phenomenology 48,2, 2017, S. 162-177.

Das ‚Problem‘ der Habituskonstitution und die Spätlehre des Ich in der genetischen Phänomenologie E. Husserls, in: Husserl Studies 32,3, 2016, S. 237-261.

Las raíces empiriocriticistas del concepto de mundo natural en Edmund Husserl, in: Investigaciones Fenomenológicas 12, 2015, S. 33–50.

Der Beitrag der Phänomenologie Edmund Husserls zur Debatte über die Fundierung der Geisteswissenschaften in: Dieter Lohmar / Dirk Fonfara (Hg.): Phänomenologische Forschungen, Leipzig: Felix Meiner Verlag 2013.

Rezensionen

Andrea Staiti (Hg.): Commentary on Husserl’s Ideas I, in: Philosophy in Review XXXVII,2, 2017, S. 80-82.

Fausto Fraisopi: Philosophie und Frage, in: Phenomenology Reviews 2017.

Michela Summa: Spatio-Temporal Intertwining: Husserl’s Transcendental Aesthetic, in: Husserl Studies 1,9, 2015.

Chiara Russo Krauss: Il sistema dell’esperienza pura. Struttura e genesi dell’empiriocriticismo di Richard Avenarius. Firenze: Le Cáriti Editore 2013, in: Discipline Filosofiche 2015.

Mario Autieri: Husserl. Intenzionalità e precategoriale, Milano: Ledizioni 2015, in: ReF – Recensioni Filosofiche 2015.

Francesca Buongiorno: Logica delle forme sensibili. Sul precategoriale nel primo Husserl, Roma: Edizioni di Storia e Letteratura 2014, in: ReF – Recensioni Filosofiche 2015, S. 223.

Andrea Staiti: Husserl’s Transcendental Phenomenology. Nature, Spirit, and Life, Cambridge: Cambdrige University Press 2014, in: Discipline Filosofiche 2015, S. 323.

Übersetzungen

Alexander Schnell: Husserl e i fondamenti della fenomenologia costruttiva, Trad. it. di Marco Cavallaro, Roma: Inschibboleth Edizioni 2015, S. 320.

 

Vorträge

„Aristotle and Husserl on the Unity of Human Life“, 13. Dezember 2016, Konferenz „Aristotle and Phenomenology. Departures and Returns“, KULeuven.

„Time, Habit, and Life-History. A Phenomenological Investigation“, 15. September 2016, Cambridge University AHRC DTP Conference „Time and Temporality“, University of Cambridge.

„Habitualisierung und Lebensgeschichte. Zur Frage der personalen Identität aus phänomenologischer Sicht“, 15. April 2016, Workshop „Neues aus der Phänomenologie“, Philosophisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

„Vom Weltbegriff zur Lebenswelt. Husserls Auseinandersetzung mit dem empiriokritischen Ansatz Avenarius‘“, 09.–12. September 2015, Internationale Tagung der Deutschen Gesellschaft für Phänomenolgoische Forschung, Institut für Philosophie, Universität Koblenz-Landau.

„The Seduction of a Geometrical Phenomenology and Its Overcoming in Ideas I“, 29. April 2015, Konferenz „Contemporary Research in Husserl“, Department of Philosophy, University of Patras.

„Das Problem der Habituskonstitution im Spätwerk Husserls“, 16. Januar 2015, Husserl-Arbeitstage 2015, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

„I-Fissure in Phantasmatic Experiences“, 14. November 2014, Internationale Tagung „Phenomenólogia y Imaginatión“, Universita Autonóma de Barcelona.

„Husserl on Habits“, 24.–26. April 2014, Konferenz der NOSP (Nordic Society for Phenomenology) „At the Limits of Phenomenology“, Helsinki.

„Towards a Phenomenology of Photographic Looking. Husserl and Barthes Revisited“, 19. November 2013, Internationale Konferenz „Is this real? Phenomenologies of the Imaginary“, Academy of Sciences of the Czech Republic, Institute of Philosophy and Charles University, Faculty of Humanities (FHS), Prague.

 

Titelbild: Siannon/flickr.com // Portraitfoto: Patric Fouad