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Dissertationsprojekt von Léa Perraudin

Medialität im Anthropozän. Zur agency und playfulness der Technosphäre (Arbeitstitel)

Gegenwärtig lässt sich beobachten, dass Technologie zunehmend ihre Gehäuse verlässt und nicht mehr augenscheinlich anhand von Kabeln oder Schaltern zu erkennen ist. Wir sind umgeben von Datenströmen, sensorbasierten Netzwerken und miniaturisierten technologischen Infrastrukturen, die uns mit der Frage konfrontieren, wie diese unsere Lebenswelt transformieren und wie sich diese Transformation wissenschaftlich reflektieren lässt. Was bedeutet dies für unser Verständnis von Medien und Medialität? Die medientheoretische Schlüsselsituation des „Dazwischen“, der vermittelnden Instanz kann mediale Konstellationen nicht mehr erschöpfend beschreibbar machen. Anknüpfend an aktuelle Diskussionen um das Atmosphärischwerden von Medien und technikökologische Diskurse verfolgt das Projekt das Erkenntnisinteresse, einen Medienbegriff der Durchdringung zu profilieren. Ausgehend von der Beobachtung, dass zur Beschreibung der Architektur technologischer Prozesse gehäuft naturinspiriertes Vokabular Anwendung findet verdichten sich die Medianatures (Parikka 2011) des gegenwärtigen Jahrhunderts zu einem virulenten Forschungszusammenhang. Um zu erfassen, wie diese Implikationen ineinandergreifen, erweist sich der Bezug auf das Anthropozän als produktiv: Zunehmend tragen die komplexen Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens zum Erscheinungsbild der Welt bei.
Mit dem Begriff „Anthropozän“ präzisiert der Geologe Paul Crutzen die Beobachtung, dass der Mensch zu einem geologischen Faktor innerhalb der Erdzeitsystematik geworden ist und die biologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde wesentlich strukturiert. Vor dem Hintergrund der neuen Charakteristiken von Technologie sehen sich die Medienwissenschaften mit einer methodologischen Neufokussierung ihrer Gegenstandsbereiche konfrontiert. In einem interdisziplinären Feld gegenseitiger Bezüge, Überschneidungen und mitunter konträrer Wissensansprüche, wird also ein methodischer Anspruch verankert, die Agency von Materie, Code und Daten in den Analyseskopus aufzunehmen. Davon ausgehend soll das Konzept des Spiels an das skizzierte Gefüge anschlussfähig gemacht werden: In seinem Manifesto for a Ludic Century (2013) proklamiert Eric Zimmerman für das 21. Jahrhundert: „information has been put at play“. Wie kann nun dieser Anspruch vor dem Hintergrund binärlogischer Codes als Operationsgrundlage technischer Infrastrukturen belastbar gemacht werden? Wo steckt das Spiel als erkenntnisleitendes Prinzip im genuin Kalkulatorischen, im Regelbehafteten des Technischen?
Eine weitere erkenntnisleistende These für das Forschungsprojekt knüpft an diesen Beobachtungszusammenhang an: Eine Reihe von Phänomenen in mediatisierten Umwelten kann erst dann adäquat analysiert werden, wenn man ihnen eine ludische Qualität zugesteht. Verstanden als grundlegende Kategorie des In-der-Welt-seins eröffnet der Rekurs auf das Spiel ein Inventar zur Analyse von nicht-binären Logiken. Sprachliche Konnotationen wie „Spielraum“ oder „Wechselspiel“ tragen der Annahme Rechnung, dass etwas, das sich im Spiel befindet, zugleich ein Möglichkeitsfeld eröffnet und im Modus der Grenzverwischung operiert. Die prognostizierte Allgegenwart von Technologie und die menschliche Transformationskraft des Erscheinungsbildes der Welt konfrontieren mit veränderten Auffassungen der Dichotomien zwischen Natürlichkeit und Artifizialität, Kultur und Natur, innen und außen. Hierbei werden gewohnte Perspektiven auf Technologie irritiert und Fragen nach der Materialität, Beständigkeit und Steuerbarkeit von ebendieser vor dem Diskurshorizont Anthropozän neu verhandelt. Davon ausgehend soll das Dissertationsprojekt einen Analysezusammenhang eröffnen, der dazu befähigt, mediale Phänomene mit einem alternativen Instrumentarium neu zu fokussieren.

 

Kurzbiographie

Léa Perraudin, Jahrgang 1986, hat in Frankfurt und Düsseldorf Kulturanthropologie, Philosophie und Medienkulturanalyse studiert. Während ihres Studiums war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und als Tutorin und studentische Hilfskraft in interdisziplinären Forschungsprojekten und Institutionen der kulturellen Öffentlichkeit tätig. 2013 schloss sie ihr Masterstudium mit einer Arbeit zu „Figurationen des Dazwischen. Auf der Spur eines relationalen Denkens“ ab. Als Stipendiatin im promotionsvorbereitenden Semester der a.r.t.e.s. Graduate School konnte sie sich grundlegenden Überlegungen zum geplanten Promotionsprojekt widmen, das sie seit 2014 unter der Betreuung von Jun.-Prof. Dr. Benjamin Beil als Kollegiatin der a.r.t.e.s. Graduate School umsetzt. Begleitend arbeitet sie als Lehrbeauftragte am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster. Seit Sommersemester 2014 ist Léa Perraudin als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung der Universität zu Köln beschäftigt.

Kontakt: lea.perraudin(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

"Where have all the cases gone? Die offenen Behausungen des experimentellen Interfacedesigns". In: Christina Bartz et al. (Hrsg): Gehäuse: Mediale Einkapselungen. München: Wilhelm Fink 2017 (im Erscheinen).

„Tales from the Great Pacific Garbage Patch –  Speculative Encounters with Plastic“. In: Lewe, Christiane / Othold, Tim / Oxen, Nicolas (Hrsg.): Müll – interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene. Bielefeld: transcript 2016.

„Zur Medialität der Wolke. Agnes Meyer-Brandis Im Troposphärenlabor“. In: Buschmann, Renate / Simunovic, Darija (Hrsg.): The Invisible Force Behind. Materialität in der Medienkunst. Ausstellungskatalog zur Quadriennale 2014. Dortmund: Ketteler, S. 68–76.

 

Vorträge

"Intraface - Investigations on Pervasive Media Phenomena"
12. September 2016: BCNM Visiting Scholar Talk, Berkeley Center for New Media, University of California Berkeley

"The Sea, the Soil, the Cloud. Playful Encounters with Media Reflexivity"
17. Februar 2016: Critical Media Lab Colloquium, „Refining Research Approaches“, Institute of Experimental Design and Media Cultures, Academy of Art and Design, FHNW Basel

"Tales from the Great Pacific Garbage Patch – Pinar Yoldas’ An Ecosystem of Excess"
25. September 2015: International Conference "Waste-Perspectives for the Remaining", Bauhaus-Uni Weimar

"Where have all the cases gone? Die offenen Behausungen des experimentellen Interfacedesigns"
23. Mai 2015: Vortrag im Rahmen im Rahmen der Tagung „Gehäuse: Mediale Einkapselungen“, Institut für Medienwissenschaften / Graduiertenkolleg "Automatismen", Universität Paderborn

"Where have all the cables gone? Playfulness und neue Technologien"
26. Januar 2015: Vortrag im Rahmen der Doktoranden-Ringvorlesung „Wieder|holen“ des Doktoranden-Netzwerk „Medien|Projekt“, Universität zu Köln

"The app smells like life – Björks Biophilia als Arena der playfulness"
18. Dezember 2014: Vortrag im Rahmen des Workshops „Playful Participation – Experimentelle und künstlerische Strategien der interaktiven Teilhabe“ im Projekt „Modding and Editor Games. Participative Practices of Mediatized Worlds“ des SPP 1505 Mediatisierte Welten, Universität zu Köln

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2016/17

Seminar: "Schreibwerkstatt. Design in Texten denken", Münster School of Design, Fachhochschule Münster

Sommersemester 2016

Seminar: „Cologne Media Lectures: "Medienpraxis der Literatur" (mit Prof. Pethes), Zentrum für Medienwissenschaften, Universität zu Köln

Seminar: "Schreibwerkstatt. Design in Texten denken", Münster School of Design, Fachhochschule Münster

Wintersemester 2015/16

Seminar: "Beyond extension. Neue Technologien und verteilte agency", Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln

Seminar: "Schreibwerkstatt. Design in Texten denken", Fachbereich Design, Fachhochschule Münster

Sommersemester 2015

Kolloquium (mit Prof. Dr. Wolfram Nitsch): "Workshop@Cologne-Media-Lectures: Ästhetik des Transports", Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung, Universität zu Köln

Seminar: "Schreibwerkstatt. Design in Texten denken", Fachbereich Design, Fachhochschule Münster

Wintersemester 2014/15

Seminar (mit Prof. Dr. Wolfram Nitsch): "Workshop@Cologne-Media-Lectures: Medien der Spekulation und Medien der Kalkulation", Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung, Universität zu Köln

Seminar: "Schreibwerkstatt. Design in Texten denken", Fachbereich Design, Fachhochschule Münster

 

Titelbild: "Like a giant circuit board" (Foto: Alan Levine, Quelle: https://www.flickr.com/photos/cogdog/626228221 // Portraitfoto: Patric Fouad