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Dissertationsprojekt von Léa Perraudin

Playful, entangled, messy: Mediale Begegnungen in der Technosphäre (Arbeitstitel)

Gegenwärtig lässt sich beobachten, dass Technologie zunehmend ihre Gehäuse verlässt und nicht mehr augenscheinlich anhand von Kabeln oder Schaltern zu erkennen ist. Wir sind umgeben von Datenströmen, sensorbasierten Netzwerken und miniaturisierten technologischen Infrastrukturen, die uns mit der Frage konfrontieren, wie diese unsere Lebenswelt transformieren und wie sich diese Transformationen wissenschaftlich reflektieren lassen. Was bedeutet dies für unser Verständnis von Medien und Medialität? Die medientheoretische Schlüsselsituation des „Dazwischen“ – der vermittelnden Instanz – kann mediale Konstellationen des 21. Jahrhunderts nicht mehr erschöpfend beschreibbar machen. Anknüpfend an aktuelle Perspektiven auf das Atmosphärischwerden von Medien und techno-ökologische Diskurse verfolgt das Projekt das Erkenntnisinteresse, einen Medienbegriff der Durchdringung zu profilieren. Ausgehend von der Beobachtung, dass zur Beschreibung der Architektur technologischer Prozesse gehäuft naturinspiriertes Vokabular Anwendung findet, verdichten sich die Medianatures (Parikka 2011) des gegenwärtigen Jahrhunderts zu einem virulenten Forschungszusammenhang. Die stoffliche Qualität des Medialen, die in der terminologischen Nähe des Medienbegriffs zu natürlichen Elementen wie Wasser, Luft und Erde zum tragen kommt, erweist sich hierbei als erkenntnisleitender Zugriff: Vor dem Hintergrund der reichen Metaphorologie der Infrastrukturen und Navigationen im Internet in Analogie zu den Charakteristika des Wassers, unseres Sprechens von der „Cloud“ bis hin zur mineralischen Materialbasis technologischer Artefakte, ist das Projekt interessiert an der Zirkulation dieser Beschreibungsformen als Gegenwartsdiagnose und als Möglichkeitshorizont mit Blick auf menschliche und nicht-menschliche Agency.

Um zu erfassen, wie diese Implikationen ineinandergreifen, erweist sich der Bezug auf das Anthropozän als produktiv: Zunehmend tragen die komplexen Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens zum Erscheinungsbild der Welt bei. Mit dem Begriff „Anthropozän“ präzisiert der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen die Beobachtung, dass der Mensch zu einem geologischen Faktor innerhalb der Erdzeitsystematik geworden sei und die biologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde wesentlich strukturiere. Die prognostizierte Allgegenwart von Technologie und die evident erscheinende menschliche Transformationskraft des Erscheinungsbildes der Welt destabilisieren die tradierten Auffassungen der Dichotomien zwischen Natürlichkeit und Artifizialität, Kultur und Natur, innen und außen. Die konzeptuelle Anlage des Anthropozäns erzeugt, so paradox es klingen mag, eine post-anthropozentrische Resonanz.Die Diskussionen um das Anthropozän legen also nur auf den ersten Blick die Vermutung nahe, dass die Kritik am Humanismus und die Dezentrierungsbestrebungen des Subjekts, wie sie seit den 1960er-Jahren insbesondere vom Poststrukturalismus vorgelegt wurden, hier mit der Refokussierung anthropozentrischer Prinzipien konfrontiert seien. Mit dem Anthropozän geht demnach qua argumentativer Anlage das definite Ende des modernen, individuierten Subjekts einher, das einer distribuierten Auffassung von Agency gewichen ist. Eben weil hier etwas am Werk ist, das als Transformationskraft dessen, was die Moderne „Natur“ nannte, in Erscheinung tritt, können wir nicht mehr davon ausgehen, dass einst stabil geglaubte Kategorien ihren definitorischen Status behalten. Es geht vielmehr um ein neues Spiel der Relationen, das einer eigenen, widerständigen Logik gehorcht und tradierte Perspektiven auf technologische Prozesse sowie wohlsortierte Paradigmen in einen Konflikt treten lässt – playful, entangled, messy. Diverse Problemfelder und (Selbst-)Beschreibungsmodi im beginnenden 21. Jahrhundert werden also ausgelotet unter dem Eindruck eines paradoxal anmutenden Begriffs – dem Anthropozän.

Mit Blick auf die neuen Charakteristika von Technologie sehen sich die Medienwissenschaften mit einer methodologischen Neufokussierung ihrer Gegenstandsbereiche konfrontiert. In einem interdisziplinären Feld gegenseitiger Bezüge, Überschneidungen und mitunter konträrer Wissensansprüche, wird also ein methodischer Anspruch verankert, die Agency von Materie, Stoffströmen und Daten in den Analyseskopus aufzunehmen. Hierbei werden Perspektiven auf Technologie grundlegend irritiert und Fragen nach der Materialität, Beständigkeit und Steuerbarkeit von ebendieser vor dem Diskurshorizont Anthropozän neu verhandelt. Davon ausgehend soll das Dissertationsprojekt einen Analysezusammenhang eröffnen, der dazu befähigt, mediale Phänomene mit einem alternativen Instrumentarium neu zu fokussieren.

 

Kurzbiographie

Léa Perraudin hat in Frankfurt und Düsseldorf Kulturanthropologie, Philosophie und Medienkulturanalyse studiert. Während ihres Studiums war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und als Tutorin und studentische Hilfskraft in interdisziplinären Forschungsprojekten und Institutionen der kulturellen Öffentlichkeit tätig. 2013 schloss sie ihr Masterstudium mit einer Arbeit zu „Figurationen des Dazwischen. Auf der Spur eines relationalen Denkens“ ab. Als Stipendiatin im promotionsvorbereitenden Semester der a.r.t.e.s. Graduate School konnte sie sich grundlegenden Überlegungen zum geplanten Promotionsprojekt widmen, das sie seit 2014 unter der Betreuung von Jun.-Prof. Dr. Benjamin Beil als Kollegiatin der a.r.t.e.s. Graduate School umsetzt. Begleitend arbeitet sie als Lehrbeauftragte am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster. Seit Sommersemester 2014 ist Léa Perraudin als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung der Universität zu Köln beschäftigt.

Kontakt: lea.perraudin(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

Where have all the cases gone? Die offenen Behausungen des experimentellen Interfacedesigns, in: Christina Bartz et al. (Hg): Gehäuse: Mediale Einkapselungen, München: Wilhelm Fink 2017.

Tales from the Great Pacific Garbage Patch –  Speculative Encounters with Plastic, in: Christiane Lewe / Tim Othold / Nicolas Oxen (Hg.): Müll – interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene, Bielefeld: transcript 2016.

Zur Medialität der Wolke. Agnes Meyer-Brandis Im Troposphärenlabor, in: Renate Buschmann / Darija Simunovic (Hg.): The Invisible Force Behind. Materialität in der Medienkunst. Ausstellungskatalog zur Quadriennale 2014, Dortmund: Ketteler, S. 68–76.

 

Vorträge

„‚What is it like to be [...]?‘ Prozessualität und Umwelt in David OReillys Everything“, 01. Dezember 2017, Workshop des Schwerpunktprogramms 1688 „Ästhetische Eigenzeiten“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Prozess und Prozessualität“, Universität zu Köln / HHU Düsseldorf, Schloss Gracht, Liblar bei Köln.

„Capturing the Ephemeral. Experimental interfaces and Snapchat as messy modes of interaction in the Technosphere, 04. Mai 2017, „Moving Images 2017: Mediality – Multimodality – Materiality: Concepts for Media and Image Studies in the Era of the »Technosphere«“, Bilingual Conference of the Society of Interdisciplinary Image Science on Moving Images, Kiel.

„Intraface - Investigations on Pervasive Media Phenomena“, 12. September 2016, „BCNM Visiting Scholar Talk“, Berkeley Center for New Media, University of California Berkeley.

„The Sea, the Soil, the Cloud. Playful Encounters with Media Reflexivity“, 17. Februar 2016, Critical Media Lab Colloquium „Refining Research Approaches“, Institute of Experimental Design and Media Cultures, Academy of Art and Design, FHNW Basel.

„Tales from the Great Pacific Garbage Patch – Pinar Yoldas’ An Ecosystem of Excess“, 25. September 2015, International Conference „Waste-Perspectives for the Remaining“, Bauhaus-Uni Weimar.

„Where have all the cases gone? Die offenen Behausungen des experimentellen Interfacedesigns“, 23. Mai 2015, Tagung „Gehäuse: Mediale Einkapselungen“, Institut für Medienwissenschaften / Graduiertenkolleg „Automatismen“, Universität Paderborn.

„Where have all the cables gone? Playfulness und neue Technologien“, 26. Januar 2015, Doktoranden-Ringvorlesung „Wieder|holen“ des Doktoranden-Netzwerk „Medien|Projekt“, Universität zu Köln.

„The app smells like life – Björks Biophilia als Arena der playfulness“, 18. Dezember 2014, Workshop „Playful Participation – Experimentelle und künstlerische Strategien der interaktiven Teilhabe“ im Projekt „Modding and Editor Games. Participative Practices of Mediatized Worlds“ des SPP 1505 Mediatisierte Welten, Universität zu Köln.

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2016/17

Seminar: „Schreibwerkstatt. Design in Texten denken“, Münster School of Design, Fachhochschule Münster.

Sommersemester 2016

Seminar: „Cologne Media Lectures: ‚Medienpraxis der Literatur‘“, mit Prof. Pethes, Zentrum für Medienwissenschaften, Universität zu Köln.

Seminar: „Schreibwerkstatt. Design in Texten denken“, Münster School of Design, Fachhochschule Münster.

Wintersemester 2015/16

Seminar: „Beyond extension. Neue Technologien und verteilte agency“, Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln.

Seminar: „Schreibwerkstatt. Design in Texten denken“, Fachbereich Design, Fachhochschule Münster.

Sommersemester 2015

Kolloquium: „Workshop@Cologne-Media-Lectures: Ästhetik des Transports“, mit Prof. Dr. Wolfram Nitsch, Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung, Universität zu Köln.

Seminar: „Schreibwerkstatt. Design in Texten denken“, Fachbereich Design, Fachhochschule Münster.

Wintersemester 2014/15

Seminar: „Workshop@Cologne-Media-Lectures: Medien der Spekulation und Medien der Kalkulation“, mit Prof. Dr. Wolfram Nitsch, Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung, Universität zu Köln.

Seminar: „Schreibwerkstatt. Design in Texten denken“, Fachbereich Design, Fachhochschule Münster.

 

Titelbild: „Like a giant circuit board“ (Foto: Alan Levine, Quelle: https://www.flickr.com/photos/cogdog/626228221 // Portraitfoto: Patric Fouad