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Dissertationsprojekt von Rogier van Bemmel

Subjektivität und Freiheit (Arbeitstitel)

Menschen können nicht durch Wände laufen oder Zeitreisen. Unsere Existenz ist voller solchen Grenzen. Diese Grenzen bekommen extra Gewicht, wenn man sich als endliches Wesen versteht, das bloß innerhalb dieser Grenzen frei sein kann. Das erklärt vielleicht auch warum heutzutage so viel Zeit darauf verwendet wird, diese Grenzen wissenschaftlich zu erforschen. Man verspricht sich davon wohl eine Erweiterung seiner Freiheit, indem der Bereich möglicher Handlungen vergrößert wird. Mit neuen Möglichkeiten gehen aber oft auch schwierige Fragen einher. Sollten wir zum Beispiel unser Genom ändern? Oder ist es wünschenswert Überwachungstechnologie zu verwenden? Die Erforschung von Grenzen liefert die Antwort auf solche Fragen nicht mit. Dazu braucht man ein Kriterium das nur gefunden werden kann, wenn man eine andere Frage stellt: wozu ist unsere Existenz eigentlich endlich? Diese Frage wird aber meist nicht mehr gestellt, oder man hält es für unmöglich, sie auf methodisch gesicherte Weise zu beantworten. J.G. Fichte (1762-1814) entwickelt in seinem Spätwerk jedoch einen transzendentalen Standpunkt, von dem aus sich die Endlichkeit als notwendige Erscheinung einer für uns alle gültige Wahrheit verstehen lässt. Von diesem Standpunkt aus bekommt die Endlichkeit insgesamt eine andere Bedeutung: unsere Grenzen sind bloß die notwendige Form, worin das freie Leben erscheint. Obwohl es Fichte also um ein Leben geht, das vielen heute für praktisch unmöglich, wie auch theoretisch irrational erscheint, entwickelt er selbst für heutige Debatten überraschend schlagkräftige und rationale Argumente, die es sich lohnt genauer anzusehen. Seine Argumente helfen auf methodisch gesicherte Weise einzusehen, dass unsere Freiheit sich eben nicht innerhalb der Grenzen der Endlichkeit befindet. Durch eine neue Begrifflichkeit können selbst Verhältnisse rational erfasst werden, die gewöhnlich jenseits der Grenzen rationaler Zugänglichkeit vermutet werden. Im vorliegenden Dissertationsprojekt wird dieser verheißungsvolle Ansatz kritisch überprüft. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei die Frage wie sich Selbstbewusstsein und Freiheit darin genau verhalten.

 

Kurzbiographie

Rogier van Bemmel hat in Amsterdam und Berlin Philosophie studiert und als Zweitfach Religionswissenschaften. B.A. und M.A. hat er mit Arbeiten zu Arthur Schopenhauer bzw. Slavoj Žižek abgeschlossen. Während seines Studiums war Rogier als studentische Hilfskraft und in einer Studentengewerkschaft tätig. Auch hat er als philosophischer Bildungsreferent Erfahrung sammeln können. Seit April 2014 ist er als Stipendiat der a.r.t.e.s Graduiertenschule (Klasse 6 – Life Sciences: Nature – Culture - Agency) verbunden. Unter Betreuung von Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer (Köln), Prof. Dr. Wouter Goris (Amsterdam) und Prof. Dr. Saskia Wendel (Köln) verfolgt er im Rahmen eines Cotutela-Abkommens mit der Vrije Universiteit te Amsterdam eine Doppelpromotion. Historisch-systematische Arbeitsschwerpunkte: Fichte, Hegel, buddhistische Philosophie. Arbeitsinteressen: Transzendentalphilosophie und Kulturphilosophie, mit Konzentration auf die Fragen der Wechselwirkung von Selbstbewusstsein und kulturellen Dynamiken.

 

Titelbild: Titelblatt einer Kollegnachschrift von Fichtes letzter vollständig vorgetragenen Vorlesung zur Wissenschaftslehre, 1812 (aus: J. G. Fichte Gesamtausgabe, Band IV, 4: Kollegnachschriften 1810–1812. Hrsg. von Reinhard Lauth u. A. 2004, S. 246) // Portraitfoto: Patric Fouad