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Forschungsprojekt von Dr. Mario Schmidt

Über die (In)Differenz von Quantität und Qualität in Westkenia und in der ethnologischen Theoriegeschichte

Luo in Westkenia behandeln unterschiedlich große Geldmengen stellenweise so als seien sie gleich groß. Dies deutet auf ein Verständnis von Quantität hin, für das ein Teil einer Menge die gleiche Größe wie die Menge selbst besitzen kann. Teile ergeben nicht, gleichsam additiv, ein Ganzes, sondern ein Teil und das Ganze können in einem rekursiven Schritt als gleichgroße Teilmengen einer dritten, imaginär verbleibenden, Menge gesetzt werden. Dieses skaleninvariante Verständnis von Mengen spiegelt sich u.a. auch in der Interpretation von Wahlergebnissen, Investitionsstrategien und Risikoberechnungen wider. In anderen Situationen, z.B. im schulischen Mathematikunterricht, wird jedoch ein additives Verständnis von Mengen angewandt, d.h. ein solches, das auf der Annahme beruht, dass Mengen aufeinander folgen. Diese Differenz deutet auf eine qualitative Zergliederung des Quantitativen hin.

Mit Blick auf seine zentrale Leitfrage, welche Zusammenhänge zwischen der Struktur der Luosozialität und der kognitiven wie kulturellen Einordnung von Geldmengen und von Mengen allgemein bestehen, strebt das Forschungsprojekt an, jene ethnographischen Momente, in denen Brüche zwischen einer rekursiven und einer additiven Annäherung an Mengen sichtbar werden, näher zu untersuchen. Dabei soll die ethnographische Methode der teilnehmenden Beobachtung durch ökonomische Spielexperimente und kognitive Tests ergänzt werden. Im stetigen Rekurs auf die ethnographischen Daten, wird dies zur Klärung der übergeordneten Frage beitragen, ob die Struktur kognitiver Prozesse eher durch eine rekursive oder eine additive Herangehensweise an Mengen abgebildet werden kann oder ob die kognitiven Fähigkeiten des Menschen sich in Bezug auf diese Frage nicht neutral verhalten, d.h. ob der Wechsel zwischen beiden ebenso wie die Hervorhebung einer Herangehensweise nicht rein kulturelle Gründe besitzen.

In einem zweiten Schritt sollen die so gewonnen Ergebnisse rekursiv auf eine Diskussion der Theoriegeschichte der Ethnologie übertragen werden. Die Ethnologie versteht sich selbst häufig als Sozialwissenschaft des Qualitativen. Nichtsdestotrotz lassen sich innerhalb der Fachgeschichte Ansätze finden, die bewusst versuchen, quantitative Daten nutzbar zu machen. Man denke nur an Meyer Fortes‘ obsessive Verwendung von statistischen Daten, Edmund Leach‘s Interesse an formaler Mathematik und Abstraktion, formalistische Arbeiten innerhalb der Wirtschaftsethnologie, kolonialethnologische Statistiken, einige neue Arbeiten über die Verbindung von Ethnologie und Chaostheorie und ein wiedergewonnenes Interesse an Ethnomathematik.

Es soll in diesem Teil des Projektes vor allem darum gehen, die verschiedenen Verständnisse von Quantität, die diesen Forschungssträngen zugrunde liegen, freizulegen. Was, so könnte man die Hauptfrage dieses Teil des Projektes zusammenfassen, würde von ihr übrigbleiben, wenn die Ethnologie ihren Gründungsmythos, sie sei eine qualitative Wissenschaft aufgäbe und sich als quantitative Wissenschaft versteht?