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Dissertationsprojekt von Mirjam Kappes

Mediennostalgische Reminiszenzen in der (post-)digitalen Gegenwart. Kollektive Erinnerungsentwürfe als Codierung der Geschichte unter gegenwärtigen Medienbedingungen (Arbeitstitel)

Früher beschrieb sie ein Krankheitsbild, heute steht Nostalgie für ein scheinbar allgegenwärtiges Phänomen unserer Digitalgesellschaft, das sich nicht nur in der Begeisterung für spezifische Medienartefakte (alte Kameras, Vinylplatten) bemerkbar macht, sondern bei dem das Vergangene auch mithilfe von spielerischen wie strategischen Darstellungs- und Handlungspraktiken aktiv wiederhergestellt bzw. imitiert wird. Aber wieso sehnen wir uns gemeinsam zurück in ein Vormals, die es vielleicht so nie gegeben hat?
Die heutige alltägliche wie berufliche Lebenswelt ist zunehmend von digitalen Technologien bestimmt, die unsere Wahrnehmungs- und Handlungsweisen signifikant beeinflussen und prägen. Bemerkenswerterweise scheint die voranschreitende Digitalisierung der Lebenswelt ebenso affirmativ begrüßt zu werden, wie sie zugleich emotional-affektiv besetzte Erinnerungsbekundungen an eine prädigitale Vergangenheit hervorzurufen scheint. Das Alte wird dabei nicht nur gesammelt und bewahrt, sondern auch bewusst nachgeahmt und neu erschaffen. Es findet eine Art kollektiver Rückbesinnung einer früheren, nostalgisch erinnerten Gegenwart statt, eine Praktik, die als dominanter – und nicht mehr subversiver – Trend in der gegenwärtigen Gesellschaft auftritt und sich in den unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bemerkbar macht. Aneignungsstrategien der prädigitalen Vergangenheit weisen meist starkes identifikatorisches Potenzial auf und wirken daher – auch retrospektiv noch – identitätsbildend für die Partizipienten. Gleichzeitig lassen sich hier auch Machtprozesse ausmachen, die in dynamischer Interaktion um Fragen einer authentischen, „richtigen“ Vergangenheitsreminiszenz ringen.
Das Dissertationsprojekt untersucht, wie der flüchtige, ephemere Charakter gegenwärtiger nostalgischer Appropriationen in visuellen Aneignungs- und Aushandlungsstrategien sichtbar hervortritt. Es stellt sich die Frage nach den kollektiv hergestellten Erinnerungsentwürfen, die von sich dynamisch konstituierenden Interpretationsgemeinschaften unter Bedingungen medialer Historiographie gebildet, (fort-)entwickelt und ausgehandelt werden. Damit bewegt sich die Arbeit an der Schnittstelle von (Medien-)Artefakt, kultureller (Erinnerungs-)Praxis und digitalen Visualisierungsprozessen.

 

Kurzbiographie

Mirjam Kappes studierte Medienwissenschaft, Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte an den Universitäten Freiburg i. Br., Basel (CH), Hamburg und London (UK). Von 2008-2013 war sie als Tutorin für Einführungsveranstaltungen der Medien- und Kommunikationswissenschaft beschäftigt und von 2012-2013 zusätzlich als studentische Hilfskraft tätig. Während ihres Studiums war Mirjam Kappes Stipendiatin des Begabtenförderwerks Cusanuswerk. Ihren Masterabschluss machte sie 2012 mit einer Arbeit zur semiotischen Eroberungsstrategien des urbanen Raums. Seit 2014 ist sie Stipendiatin des a.r.t.e.s. Graduiertenschule der Universität zu Köln. Vom WS 2016- WS 2017 ist sie außerdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienkultur und Theater angestellt.
Mirjam Kappes ist journalistisch tätig bei KulturPort (www.kultur-port.de) und war u. a. beschäftigt bei CineGraph (Hamburgisches Centrum für Filmforschung), dem NDR Kulturjournal (TV), Ampya (Musikportal), Horizont (Fachzeitschrift für Marketing, Werbung und Medien), dem SWR (TV) und der Badischen Zeitung.

Kontakt: mirjam.kappes(at)uni-koeln.de

 

Publikationen

2017 (im Druck): Filmische Nostalgie(n) im Kino der digitalen Gegenwart: Verhandlungen medialer Reminiszenz in The Age of Adaline. In: Pablo Abend / Bonner, Marc / Görgen, Katharina / Weber, Tanja (Hrsg.) Just little bits of history repeating. Medien | Nostalgie | Retromanie. [Reihe Medienwelten]. Münster [et al.]: LIT Verlag.

2017 (im Druck): Night Tales: Jim Jarmusch’s nocturnal film poetics. In: Heboyan, Esther (Hrsg.) The Cinema of Jim Jarmusch – A Sad and Beautiful World. Artois Presses Université.

2016: Genuine, "A Tale of a Vampire". Expressionist film and gender. In: Rhodes, Gary/Brill, Olaf (Hgg.): Expressionism in the Cinema. Edinburgh University Press. http://www.euppublishing.com/book/9781474403252

2016: Zur (multimodalen) Gestaltungsästhetik medialer Gewalt im Musikfernsehen. In: Heinze, Carsten/Niebling, Laura (Hrsg.): Populäre Musikkulturen im Film. Inter- und transdisziplinäre Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 453-476. http://www.springer.com/de/book/9783658108953

2014: Graffiti als Eroberungsstrategie des urbanen Raums. In: Warnke, Ingo H./Busse, Beatrix (Hrsg.): Place-Making in urbanen Diskursen – Interdisziplinäre Beiträge zur Stadtforschung. Boston/Berlin: de Gruyter. http://www.degruyter.com/view/product/430888

2013: Das Labyrinthmotiv im Film. Raum, Erfahrung und Metaphorik in THE SHINING und PAN’S LABYRINTH. In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung, Nr. 5, S. 86–102. Verfügbar unter: http://www.rabbiteye.de/2013/5/kappes_labyrinthmotiv.pdf

Regelmäßige Rezensionsbeiträge in der Zeitschrift Medienwissenschaft Rezensionen / Reviews. Hrsg. v. Malte Hagener, Angela Krewani, Burkhard Röwekamp, Karl Riha, Jens Ruchatz. Philipps-Universität Marburg, Schüren-Verlag, online einsehbar unter http://archiv.ub.uni-marburg.de/ep/0002.

 

Vorträge

"A global epidemic of Nostalgia? Mediennostalgische Reminiszenzen in der (post-)digitalen Gegenwart". 08.-10. März 2017: Vortrag im Rahmen des Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquium (FFK); Hamburg.

"Ich habe doch nichts zu verbergen. ‚Supernerds‘: Digitale Totalüberwachung als transmediales Simulationserlebnis." 28. September-01.Oktober 2016: Vortrag im Rahmen der GFM-Jahrestagung 2016 "Kritik"; FU Berlin.

"Angekommen im (post-)digitalen Zeitalter? Was nach der „Medienrevolution“ geschah". 02. Februar 2016: Gastvortrag an der KIT – Karlsruher Institut für Technologie; Seminar „Medienanalyse: Analog / Digital“; Dozent: Dominik Schrey.

"Mediacultural archives and nostalgic remembering in the digital age". 18.–20. Juni 2015: Vortrag im Rahmen der NECS-Jahrestagung "Archives of/for the Future"; Łódź, Polen.

"Mediated Nostalgia(s): Memory and Mass Media in the Digital Age". 17.–18. April 2015: Vortrag im Rahmen der Konferenz "Nostalgia isn't what it used to be", FU Berlin.

"Nostalgic Nights: Jim Jarmusch’s reminiscent nocturnal film poetics". 08.–09. April 2015: Vortrag im Rahmen der Konferenz "The Cinema of Jim Jarmusch", Arras, Frankreich.

"Filmische (Medien-)Nostalgien". WS 14/15: Gastvortrag im Rahmen des Seminars "Retromania. Nostalgie- und Retrotrends in Musik, Fernsehen und Computerspielen", Köln.

"Nostalgic Media: Repeating the Past". WS 14/15: Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Wieder|holen, Köln.

"Zur (multimodalen) Gestaltungsästhetik medialer Gewalt im Musikfernsehen". 22.–24. November 2013: Vortrag im Rahmen der Konferenz "Populäre Musikkulturen im Film", Hamburg.

"Graffiti als Eroberungsstrategie des urbanen Raums". 04.–06. Oktober 2012: Vortrag im Rahmen des USRN-Symposion "Stadt und Zugehörigkeit", Heidelberg.

 

Titelbild: Katharina Wieland Müller, pixelio.de // Portraitfoto: Patric Fouad