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Dissertationsprojekt von Moritz von Stetten

Kultur in der Systemtheorie von Niklas Luhmann
(Arbeitstitel)

Besonders wohlwollend hat sich der Soziologie Niklas Luhmann gegenüber dem Kulturbegriff meist nicht geäußert, ihn einmal sogar als „einen der schlimmsten Begriffe, die je gebildet worden sind“, bezeichnet. Luhmann erschien der Kulturbegriff als „alteuropäisches Vokabular“, das für feine theoretische Argumente zu unscharf bleiben muss. Einige Veröffentlichungen sowie Weiterentwicklungen anderer Autoren deuten jedoch daraufhin, dass dem Ausdruck ‚Kultur’ im systemtheoretischen Kontext neue Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Mein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der postontologischen Architektur der Luhmannschen System- und Gesellschaftstheorie, um den Kulturbegriff theoretisch besser einordnen zu können. Insbesondere der Bruch mit einer moralisch, politisch, wirtschaftlich oder andersartig festgelegten Sozial- und Gesellschaftstheorie sowie ihr universales, autonomes und radikalkonstruktivistisches Reflexionsniveau bergen ein zwar stellenweise abstraktes, aber genauso gewinnbringendes Verständnispotential in sich. Hier gilt es vor allem den besonderen Anspruch sowie die agnostische Haltung der Systemtheorie gegenüber den von ihr sogenannten „netten, hilfsbereiten Theorien“ zu verdeutlichen. Dabei untersuche ich einerseits, wie sich die postontologische Theorieausrichtung der Systemtheorie innerhalb des Spektrums von philosophischen und sozialtheoretischen Fragestellungen einordnen lässt. Andererseits beschäftige ich mich mit dem funktionalen Kulturverständnis, das mit einer solchen postontologischen Theoriearchitektur einhergeht. An einer Stelle bezeichnet Luhmann Kultur als „Börse, an der die Optionen für Paradoxieentfaltung gehandelt werden“. Wie lässt sich diese Beschreibung theoretisch einordnen und verstehen? Und welchen Verstehens- und Erklärungsanspruch kann die Systemtheorie als postontologische Kulturtheorie anbieten? Was kann eine postontologische Theorie als Kulturtheorie leisten – und was nicht?

 

Kurzbiographie

Moritz von Stetten, geboren 1986, hat Politische Wissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Universität Heidelberg und der University of Manchester (UK) studiert. Seine Magisterarbeit mit dem Titel „Zwischen Legitimität und Gerechtigkeit“ beschäftigt sich mit der Verteidigung normativer Maßstäbe in der Debatte zwischen Jürgen Habermas und John Rawls. Seit Sommer 2012 hat er einen Lehrauftrag am Max-Weber-Institut für Soziologie. Unter der Betreuung von Prof. Lutz Ellrich, Prof. Hanjo Berressem und Prof. Joachim Renn promoviert er seit April 2013 im Fachbereich Medienkulturwissenschaften als Stipendiat des Integrated Track der a.r.t.e.s. Graduiertenschule.

Kontakt: moritz.stetten(at)gmail.com

 

Publikationen

Niklas Luhmann und die Überwindung des soziologischen Eurozentrismus. In: Zeitschrift für Kultursoziologie, 2, 2015, S. 4-16.

Der Konsens ist das Ende des Gesprächs. In: Die Epilog. Zeitschrift zum Gesellschaftswandel, 3, Januar 2013.

Book Review: ‘Utopia or Auschwitz. Germany's 1968 generation and the Holocaust’. In: Critical Studies on Terrorism, 3 (3), 2010, S. 477-481.

Recent Literature on the Red Army Faction in Germany: A Critical Overview. In: Critical Studies on Terrorism, 2 (3), 2009, S. 546-554.

 

Vorträge

„Der Körper als soziales Medium. Zur Verortung körperlicher Praxen innerhalb der soziologischen Systemtheorie“
Vortrag auf der 10-Jahrestagung der DGS-Sektion Soziologie des Körpers und des Sports unter dem Titel „Denkfiguren des Sozialen in der Körper-, Bewegungs- und Sportsoziologie“, 07. Oktober 2015

„Distanzierung und Intensivierung. Kulturtheoretische Überlegungen im Anschluss an Niklas Luhmann“
Vortrag im Rahmen des Besuchs der a.r.t.e.s. Graduiertenschule bei der University of Malta, 29. Mai 2015

„Zwischen historischer Semantik und theoretischem Grundbegriff. Niklas Luhmanns Verständnis von Kultur“
Vortrag im Rahmen der Winter School „Praktiken kultureller Orientierung“, Universität Koblenz-Landau, 23. Februar 2015

„Am Engpass der Transmission. Ansätze einer postontologischen Kulturtheorie“
Vortrag im Rahmen des Kolloquium „Theoriewerkstatt“ des Instituts für Soziologie, Universität Münster, 28. Januar 2014

"Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme"
Vortrag im Rahmen des Forum Kulturgeschichte, Historisches Institut , Universität zu Köln, 11. Januar 2014

"Sind virtuelle Realitäten eine neue Form der Wirklichkeit? Eine sozialtheoretische Perspektive"
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung des ZfMK der Universität zu Köln, 02. Dezember 2013

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2013/14

Seminar „Kommunikation und Interaktion“, Max-Weber-Institut für Soziologie, Universität Heidelberg

Sommersemester 2013

Seminar: „Was ist eigentlich Kultur? Soziologische Perspektiven“, Max-Weber-Institut für Soziologie, Universität Heidelberg

 

Titelbild: Niklas Luhmann, "draw a distrinction" (aus: Luhmann, Niklas (2008): Schriften zu Kunst und Literatur. Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 7) // Portraitfoto: Roman Oranski